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Der Reiz der Familie

Die Wertheims, die Oetkers, die Flicks: Bücher über die großen Wirtschaftsdynastien haben Konjunktur

Marketing-Lehrbücher sind selten besonders originell. Meistens enthalten sie Formeln, mit denen man Tausender- Kontakt-Preise und ähnliche Dinge ausrechnen kann. Rüdiger Jungbluth hat - vielleicht sogar unbeabsichtigt - ein exzellentes Marketing-Buch geschrieben. Wohl eher als Nebenprodukt, um im Jargon zu bleiben. Aber dennoch reizvoll.

Sein Buch "Die Oetkers" stellt Firmengründer Dr. August Oetker als einen cleveren Apotheker vor, der 1891 Backpulver in kleine Tütchen verpackt und dieses an Bielefelder Hausfrauen verkauft. "Die Zusammensetzung meines Backpulvers ist die denkbar beste, frei von allen schädlichen Beimitteln, von stets gleicher Beschaffenheit, und wird von allen Hausfrauen ... verwandt", schrieb er in seine Werbeanzeigen.

Zehn Pfennig kostete ein kleines Päckchen damals. Gemessen an der Kaufkraft, war das ein hoher Preis. Aber Oetker beeindruckte seine Kundinnen, weil er als "echter Doktor" bereit war, die Alltagsprobleme der Hausfrauen zu lösen. "Darin lag eine überaus raffinierte Werbepsychologie", schreibt Autor Rüdiger Jungbluth. Oetker brannte ein wahres Marketing-Feuerwerk ab: Zeitungsanzeigen, Rezepte, Reklameschilder - der Phantasie des Firmengründers schienen keine Grenzen gesetzt. "In dieser Strategie lag die eigentliche Großtat des jungen Unternehmers August Oetker, der kein genialer Forscher oder großer Lebensmittelchemiker war, sondern ein besonders begabter Marketingmann."

Jungbluth hat mit dem Oetker- Buch bereits seine zweite Familienbiografie vorgelegt. Vor zwei Jahren schrieb er über "Die Quandts" - also über jene Familie, die große Aktienpakete an dem Automobilhersteller BMW und an dem Pharmakonzern Altana hält. Jungbluth schildert die teilweise sehr persönlichen Details aus der Ehe zwischen Magda Quandt und dem Nazi-Propagandaminister Joseph Goebbels. Das Buch war so erfolgreich, dass es nun noch einmal als Hörbuch auf den Markt kommt. Ohnehin sind Familienbiografien im Bücherherbst 2004 stark vertreten. Neben den Oetkers sind pünktlich zur Frankfurter Buchmesse Biografien über die Wertheims und die Flicks erschienen.

Ihnen allen ist gemeinsam, was wohl den Reiz dieser Art von Buch ausmacht. Die beschriebenen Familien haben das deutsche Wirtschaftsleben nachhaltig geprägt. Sie alle haben ihren Ursprung in der Gründerzeit des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Sie alle haben ihre ganz persönlichen Dramen und Schicksale erlebt. Und sie haben ihren ganz speziellen Bezug zu Krieg und Nazi-Zeit.

Aus diesem Mix setzt sich auch Thomas Ramges Buch über "Die Flicks" zusammen. Das Buch platzte mitten in die Diskussion um die große Flick-Kunstsammlung, die vor einer Woche in Berlin eröffnet wurde. Ramge geht zu den Wurzeln des "Flick-Mythos" zurück.

Friedrich Flick machte mit den Nazis gemeinsame Sache. Er war Hitlers größter Rüstungslieferant. Er beutete Zwangsarbeiter aus und profitierte von der Enteignung jüdischen Besitzes. 1947 wurde er in einem der Kriegsverbrecherprozesse verurteilt. Nach seiner Freilassung aus dem Gefängnis baute er den Konzern erneut auf und war schon 1960 wieder einer der reichsten Männer Deutschlands. Heute ringen die Enkel um Akzeptanz - mit einem Familiennamen, der gelegentlich zur Belastung wird, wie Ramge eindrucksvoll schildert.

Auch die Wertheim-Familie hat die Nazi-Diktatur in bleibender Erinnerung behalten - allerdings aus einer anderen Perspektive. Die Wertheims, eine jüdische Familie, sind Opfer jener Zeit. Mitten in Berlin hatten sie das einstmals prachtvollste und größte Warenhaus betrieben. Unter den Nazis wurden sie enteignet. Die Familie wurde in alle Winde zerstreut. Nach Großbritannien, in die USA und in die Niederlande. Andere verloren ihr Leben im Konzentrationslager.

Die so genannte "Arisierung" und faktische Enteignung jüdischer Besitztümer ist eines der düstersten Kapitel der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Und die Wertheims stehen stellvertretend für ein solches Schicksal. Wer das Buch der beiden Autorinnen Erica Fischer und Simone Ladwig-Winters gelesen hat, versteht, warum die Nachfahren auch knapp sechzig Jahre nach dem Ende des Schreckens die Erinnerung an die Familie aufrechterhalten wollen. Um das Erbe der Wertheims ist ein bizarrer, hochkomplizierter Streit ausgebrochen. Es geht um Grundstücke mitten in Berlin, die nach dem Krieg zum Teil zu Ost- und zu West-Berlin gehörten. Und es geht um ein Geschäft aus dem Jahr 1951, als der damalige Handelsriese Hertie das Warenhaus Wertheim übernahm.

Betrug sei damals im Spiel gewesen, lautet der Vorwurf der Wertheim-Erben. Hertie selbst gehört seit 1994 zum Karstadt Quelle-Konzern.Im - Mai dieses Jahres wies ein US-Gericht die Klage zweier Wertheim-Vertreter gegen Karstadt-Quelle ab. Der Konzern könne nicht für das frühere Vorgehen von Hertie verantwortlich gemacht werden. Ein weiteres schwieriges Kapitel deutscher Geschichte ist wohl noch immer nicht beendet.

ERICA FISCHER/ SIMONE LADWIG WINTERS: Die Wertheims, Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2004, 384 Seiten, 19,90 Euro

THOMAS RAMGE: Die Flicks, Campus Verlag, Frankfurt 2004, 288 Seiten, 24,90 Euro

RÜDIGER JUNGBLUTH: Die Oetkers , Campus Verlag, Frankfurt 2004, 406 Seiten, 24,90 Euro

RÜDIGER JUNGBLUTH: Die Quandts, Campus Verlag, Frankfurt 2002, 391 Seiten, 24,90 Euro, neu als Hörbuch (24,90 Euro)

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