Der Run auf die Rarität hat begonnen
Das Komplott der Kastanien

Eine Gesetzeslücke macht es möglich: Zwar darf nur Getreide in den Whisky, aber auf Korsika ist die Esskastanie traditionell ein Getreide. Ein gewiefter Korse experimentiert jetzt im Holzfass.

Auf Korsika wird ein Whisky produziert, wie es ihn noch nie gab: aus Kastanien. Wer den Pietra Mavela demnächst trinken will, muss schnell handeln. Der Run auf die Rarität hat begonnen. Im Inselinneren gibt es abseits der Hauptachsen nur geflickte Asphaltbänder. Auf der Trasse säugen Kühe ihre Kälber, am Wegrand fressen halbwilde Schweine und Ziegen Kräuter. Die Kurven schrauben sich in den Dunst. Steinbrockenreihen, Drachenzähnen gleich, begrenzen Abgründe.

Und auf einer Terrasse über Bergnestern, die sich an grünzottigen Schluchten in den Fels krallen, tauchen wie Urgebilde Esskastanien auf. Ein Hain mit bis zu 40 Meter hohen Stämmen, flankiert von Eichen, Buchen und Schwarzkiefern. Der Reichtum des Jean-Claude Venturini, dem Besitzer der Domaine Mavela, der ungewöhnlichsten Winzerei Korsikas.

Der rotblonde 52-jährige Korse besitzt Weinstöcke, Obstplantagen und ein Erdbeerfeld für Obstler und Marmeladen. Seitdem ihn die Idee umtreibt, Kastanienwhisky herzustellen, lässt er seine Bäume in über 500 Meter Höhe bewachen. Sein Produkt, das erst 2005 marktreif sein wird, versetzt Whisky-Freunde in erwartungsvolle, aber auch bange Unruhe. Der Scharfe aus Korsika wird ganz anders sein als schottische und amerikanische Klassiker. "Aus Kastanien machen wir von alters her Schnaps und Likör", sagt Venturini. "Da dachte ich mir: Warum nicht auch Whisky!"

Aus Weizen, Mais, einer Reihe weiterer Getreidesorten und Esskastanien, die getrocknet und zermahlen wurden, entstand eine Maische. "500 große Kastanien brauche ich für eine Flasche Whisky", rechnet der Chef vor. Seit drei Jahren reift der Großteil des Gemischs in Fässern und Tanks, nach 17 Monaten hatte es 63 Prozent Alkohol. Jetzt sind es noch 43 Prozent.

Stark ist das Getränk, zum Nippen gemacht. Venturini lächelt zufrieden und verteilt den Rest des Glases aufs Fass. Ein betörender Duft breitet sich im Weinkeller aus. "Der Alkohol durchdringt das Holz und dient dem Reifungsprozess", erklärt der Kastanienkönig.

Whiskyzubereitung außerhalb der vorgeschriebenen Rezepturen ist verboten. Reiner Whisky besteht zu 100 Prozent aus Getreide, sagen die Gesetze. Genau das ist die Lücke für den schlauen Baumbesitzer: Auf Korsika wird die Esskastanie zum Getreide gezählt.

Venturini hat sich rückversichert und arbeitet mit einem schottischen Whiskyhersteller zusammen, der die Destillate einer peniblen Prüfung unterzieht. "Er ärgert sich jedes Mal, dass es in Schottland keine solch aromatischen Kastanien gibt", sagt der Korse. Denn ein schwach rauchiger Geschmack gibt dem Whisky seine besondere Note.

Der innovative Whisky- Mann setzt auch auf deutsches Know-how: Alle Geräte bezieht er von einer Firma am Bodensee. Mehr als eine Million Euro hat er in den neuen Produktbereich investiert. Weil er den Whisky pompös präsentieren will, ließ Venturini vor den Verkaufsräumen eine Freitreppe aus Natursteinen in Form eines Amphitheaters bauen.

Erst die Entwicklung der vergangenen zehn Jahre, die Rückbesinnung auf bäuerliche Traditionen, habe seine Erfindung möglich gemacht, meint er: "Wir Korsen trauen uns jetzt einfach, die Welt mit dem bekannt zu machen, was wir haben. Unsere Kastanien sind die besten."

Der Maische-Meister hält 50 000 Liter des Getränks auf Kastanienbasis gebunkert. Die ersten tausend Flaschen erhalten nummerierte Etiketten. Die Domaine Mavela führt bereits eine Kundenliste für den aromatischen Saft, den es zum einen für 15 Euro die Flasche geben wird und zum anderen in einer teureren Version.

Im Jahr 2005 werden diese Flaschen mit dem Teil des Whiskys abgefüllt, der dann seit zwölf Jahren in Eichenfässern reift. Dann können Puristen und Reformisten unter den Whiskygenießern herzhaft streiten über das Komplott der Kastanien.

Quelle: Handelsblatt

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