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Der runde Ball und heiße Luft

Hah, endlich wieder Fußball, endlich wieder Bundesliga. Und gleich zur Eröffnung bewies die Deutsche Fußball-Liga wieder einmal: Ginge es allein um das Management, dürfte diese Liga so viele Fans haben wie die Eisstockschießen-Kreisliga Landshut Süd.

Hah, endlich wieder Fußball, endlich wieder Bundesliga. Und gleich zur Eröffnung bewies die Deutsche Fußball-Liga wieder einmal: Ginge es allein um das Management, dürfte diese Liga so viele Fans haben wie die Eisstockschießen-Kreisliga Landshut Süd. Womit ich nichts gegen die Eisstockschießen-Kreisliga Landshut Süd gesagt haben will.

Was ist das?

18 Schüler in Fußballtrikots laufen ein, jeder mit einer Fahne in der Hand. Am Mittelkreis stehen zwei Herren im Anzug, beide in den besten Jahren und sprechen einigermaßen auswendig gelernte oder abgelesene, von gehobener Uninteressantheit geprägte Sätze in ein Mikrophon.

Das Schulsportfest des Gymnasium Canisianum Lüdinghausen? Das Kleinschüler-Fußballturnier Kattenvenne-West, benannt nach dem örtlichen Klempner, der dafür 250 Euro gezahlt hat? Die Weltmeisterschaften im Hallen-Strickleiterklettern für Aktive unter 17 Jahren?

Falsch. Es ist die Saisoneröffnung des mit Abstand beliebtesten Sp orts Deutschlands, einem Milliarden-Unternehmen: der Start in die neue Runde der Fußball-Bundesliga.

Wer nun ein Feuerwerk erwartet, singende B-Prominenz, aufwändige Choreographien auf dem Rasen, Anstoß durch einen Teenie-Star, also das mehr oder weniger das normale Ambiente eines NFL-Europe-Spiels - der irrt. Gewaltig.

Nirgends klafft die Lücke zwischen pompösem Anspruch und dürftiger Realität so weit auseinander im Sport. Die Stadien sind auch so voll: Warum also mehr machen, als das nötige? Vielleicht, weil sich die Zeiten ändern können?

Keiner weiß das besser als der neue Geschäftsführer der Deutschen Fußball-Liga DLF, Christian Seifert. Wer in Zeiten der New Economy schon im Wirtschaftsland unterwegs war, wird diesen Namen kennen.

Chef von Karstadt Quelle New Me dia war Seifert und fiel dort auch schon durch die handelsüblichen Jubelarien und Wortdrechseleien auf. Immerhin: Das Internet hatte es ihm weniger angetan als das Fernsehen. "T-Commerce" war seine Lieblingswortschöpfung, früh war Karstadt Quelle deshalb in Sachen Interaktives Fernsehen unterwegs, eine Technologie, die auch heute noch weit von der flächendeckenden Umsetzung entfernt ist.

Doch das war eines der wenigen Dinge, die bei Karstadt anders liefen. Beispielhaft redete er sich gegenüber "W&V" über das desaströse Karstadt.de mit der üblichen Ausrede gescheiterter Internet-Manager aus Großkonzernen heraus:
"...bewerten Karstadt.de weniger nach betriebswirtschaftlichen als nach Marketing-Gesichtspunkten. Die Profitabilität sei in diesem Fall nicht nach Umsatz versus Kosten zu bewerten, befindet Seifert, und Gerard ergänzt: ,Karstadt.de ist ein Kommunikations- und Marketing-Tool der Warenhaus AG.'"

Auch die Musikkette World of Music, k urz "WOM" lag in seinem Einflussbereich. Den Plattenladen, der höchstens durch seine hohen Preise bekannt ist, wollte Seifert laut "Lebensmittel Zeitung" zu einer "starken crossmedialen Entertainment-Marke" entwickeln um über ein "Alleinstellungsmerkmal im deutschen Medienmarkt" zu verfügen.

Und gegenüber "Horizont" orakelte er:
"WOM war früher ein Handelskonzept mit einer Medienkomponente. Künftig verstehen wir die Marke als Medienkonzept mit einer Handelskomponente."



Ähnlich selbstbewusstseinsübersteigert klingen seine Ankündigungen in Sachen Weltmeisterschafts-Shops in Karstadt-Ablegern:

"Natürlich reicht es nicht, salopp gesagt, einen Kleiderständer hinzustellen. Es werden Erlebnis-Shops mit Autogrammstunden mit Nationalspielern, Verlosungen von WM-Karten und der neuesten Palette von Fan-Artikeln mit WM-Logo. Und wir werden den größten WM-Star präsentieren", sagt er der "Welt". Ach ja, und seit zwei Jahren soll die WM-Trophäe schon durch deutsche Großstädte touren. Sollte sie schon jemand gesichtet haben, nehme ich gern zurück, dass es dazu bisher nicht gekommen ist.

Womit wir beim neuesten Seifert wären. Den Kollegen der "Wirtschaftswoche" rechnete er in der jüngsten Ausgabe nämlich vor, die TV-Rechte für die Bundesliga seien eine Milliarde Euro wert:
„Premiere ist an der Börse etwa zwei Milliarden Euro wert. Und es gibt Experten, die behaupten, mindestens die Hälfte der Zuschauer hätte den Sender nur wegen Bundesliga-Fußball abonniert. Also müssten die TV-Rechte aus Sicht von Premiere eine Milliarde Euro wert sein. Letztlich geht es also nur darum, welchen Preisabschlag wir hinnehmen.“

Tja, so einfach berechnet sich ein Börsenwert nach Seifert. Zukünftige Einnahmen, künftige Umsätze, Erwartungen des Marktes, tatsäch liche Werte im Unternehmen - alles Blödsinn. Wenn Seifert bei allen betriebswirtschaftlichen Kennzahlen so fit ist, ist die Karstadt-Quelle-Kríse zu einem Bruchteil erklärt. Und wenn er nicht dazu lernt ist auch eines sicher: Borussia Dortmund muss sich auch künftig um seine Lizenz keine Sorgen machen. Genauso wenig wie jeder andere Club der Liga.

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