Der Schlamassel nach dem Krieg
Die Regierung Bush hat im Irak fast alles falsch gemacht

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Ausgerechnet auf die von ihm so verachtete Uno ist George W. Bush jetzt angewiesen, wenn er sein Amt im November behalten will.

Nach ursprünglich hehren Zielen wie der Schaffung eines freien, demokratischen Iraks geht es jetzt nur noch darum, einigermaßen unbeschädigt aus der Situation herauszukommen. Bush hofft jetzt auf den Uno-Gesandten Lakhdar Brahimi. Er soll eine wie auch immer geartete politische Lösung zu Stande bringen.

Ursprünglich wollte die US-Regierung etwas ganz anderes. Doch jetzt bleibt ihr keine Wahl. Weitere sechs Monate wie diesen April kann sich Bush nicht mehr leisten. Die Gewalt eskaliert, Verbündete holen ihre Leute nach Hause. Für Amerika kostet der Irak immer mehr - Menschenleben und Dollar.

Den Schlamassel nun ausgerechnet der viel verschmähten Uno vor die Füße zu werfen, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Zumal jetzt auch noch der Journalist Bob Woodward die Geschehnisse im Vorfeld des Irak- Krieges aufgedeckt hat. Die Hardliner Cheney, Paul Wolfowitz und Richard Perle sind mit ihrer miserablen Nachkriegsplanung in der Defensive. Der demontierte Außenminister Colin Powell, dessen Ruf nie wiederhergestellt worden ist, sieht düstere Vorahnungen Wahrheit werden. Das Erschütterndste an Woodwards Buch ist die Offenlegung der Gedankenlosigkeit, mit der Bush in den Krieg zog, ohne an die Konsequenzen zu denken.

Albert Hunt ist "Executive Washington Editor" des Wall Street Journals. Hunt kam 1965 als Reporter zum Wall Street Journal und beobachtet seit Anfang der 70er Jahre fuer das Journal das politische Geschehen in Washington. 1985 wurde er Leiter des Washingtoner WSJ-Bueros und 1993 Executive Washington Editor des Journals. 1999 erhielt er mit der "William Allen White Foundation Citation" eine der hoechsten journalistischen Auszeichnungen der USA.

Die Neokonservativen haben überhaupt nur zwei Dinge richtig gemacht: Die erste Kriegsphase schnell durchzuziehen und Saddam gefangen zu nehmen. Alles andere machten sie falsch.

Wir wurden im Irak nicht als Befreier begrüßt. Wir hätten mehr Soldaten gebraucht. Katastrophal war, die Reste der irakischen Regierungs- und Militärstruktur aufzulösen, ohne das Vakuum zu füllen. Die Rohölreserven waren nicht annähernd so groß wie erwartet, um den Wiederaufbau zu finanzieren. Selbst als wir strahlende Sieger waren, gelang es uns nicht, andere Staaten auf unsere Seite zu ziehen. Die Gefangennahme Saddams beendete den Widerstand im Irak nicht. Und Terminpläne wurden fallen gelassen.

Der Vergleich mit dem Vietnamkrieg drängt sich auf. Die meisten denken an die Tet- Offensive des Vietcongs von 1968 und das damit verbundene Glaubwürdigkeitsdesaster für die US-Regierung. Noch interessanter ist die Parallele zur Unkenntnis und dem Desinteresse der amerikanischen Entscheider am besetzten Land und seinen Menschen. "Ahnungslosigkeit über die Landesgeschichte" nennt der Historiker Stanley Karnow in seinem Vietnam-Standardwerk als Grund für die US-Niederlage.

Jetzt soll also die Uno es im Irak richten. Was genau Brahimi erreichen soll, weiß wahrscheinlich niemand - auch nicht die Bush-Regierung. Immerhin ist Brahimi fähig, sich in die Region hineinzudenken. Er wird stärker auf regionale Akteure und eine "arabische Lösung für ein arabisches Problem" setzen. Außen vor bleibt der von den USA erkorene Exil-Iraker Achmet Chalabi, dessen Ideen es nie über die neokonservativen Salons Washingtons hinaus geschafft haben. Auch hier lautet also das Fazit: Falsch gemacht.

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