Der Schöpfer der ersten kommunizierenden Kleiderkollektion
Olivier Lapidus: Der aufsässige Sohn

Der Modeschöpfer will High-Tech und Mode vereinen. Seine Firma Wearlap startete in der vergangenen Woche - mit erstaunlich viel Kapital.

Seine Mutter war Miss France und gefragtes Mannequin, sein Vater Ted Mitglied der exquisiten Pariser Chambre Syndicale de la Couture und schneiderte wie schon sein Erzeuger Haute-Couture-Kleider: Es war wohl unvermeidlich, dass Olivier Lapidus in der Mode-Welt landete.

Doch im Gegensatz zu Vater und Großvater pflegt der 43-Jährige noch eine andere Leidenschaft als nur Kleider zu entwerfen: Er ist fasziniert von der Idee, Computer und Kleidung zu verbinden. Bereits 1986 entwickelte er als erster weltweit eine Solarenergie-Jacke mit GPS und Mobiltelefon. Spielereien, für die sich jahrelang niemand interessierte. Doch seit die Elektronikindustrie immer neue Kleinstgeräte für den digitalen Nomaden von heute entwickelt, wirken auch Lapidus? Entwürfe nicht mehr abwegig. Nun scheint er am Ziel: "Wir werden ab Herbst die erste kommunizierende Kleiderkollektion weltweit präsentieren."

Großes Geld - große Träume

Am vergangenen Freitag hob Lapidus das Unternehmen Wearlap Technologies im Schweizer Welschland aus der Taufe. Sensationelle 230 Mill. $ Risikokapital stehen zur Verfügung, beigesteuert von der Luxemburger Holding Luxempart, die normalerweise nur heimische Unternehmen unterstützt.

Großes Geld, große Täume: In vier bis fünf Jahren hofft der Franzosen eine Million smarte Kleidungstücke pro Jahr zu verkaufen. Einen Vorgänger gibt es bereits: Im vergangenen Jahr präsentierte der Elektronikriese Philips in Zusammenarbeit mit dem Jeanshersteller Levis seine Version einer intelligenten Jacke: Trotz eines Stückpreises von 2 800 DM gingen diese "weg wie warme Semmeln", sagt Philips-Sprecherin Simone Maaß.

Dass Philips Olivier Lapidus mit dieser Idee zuvorgekommen ist, ärgert und freut den Franzosen zugleich: Freude, weil das Engagement der Großindustrie ein gewichtiges Argument für seine Investoren ist. Doch zugleich weiß Lapidus, dass er jetzt nachlegen muss: "Ich bin eigentlich stolz, dass Philips mein Konzept kopiert. Aber jetzt ist es für mich Zeit, auf den Markt zu gehen: Ich habe die Patente und doch glauben alle, dass andere die Idee hatten. Das ist so, als ob man Coca Cola ist, und alle halten einen für Pepsi Cola."

Widerstände in der eigenen Familie waren groß

Konkurrenz schreckt den Franzosen nicht. Zu viele Jahre und zu heftig habe er darum gekämpft, seinen Traum von der E-Mode endlich realisieren zu können. Selbst in der eigenen Familie hatte er mit Widerständen zu kämpfen: Vater Ted wurde in den 60er Jahren berühmt, weil er Frankreichs Präsident Georges Pompidou, Brigitte Bardot und die Beatles einkleidete. Doch der Familienpatriarch war überhaupt nicht begeistert von den IT-Eskapaden seines Sohnes. Im Streit verließ Sohn Olivier Mitte der 80er Jahre das Familienunternehmen und ging nach Asien. Lehrjahre, die ihn selbstständig machten - und in seiner Technikbegeisterung bestärkten. Ende der 80er versöhnte Olivier sich mit seinem Vater und übernahm 1989 den Familienbetrieb - nun konnte er endlich schalten, walten und designen, wie er wollte.

Was ihn von anderen High-Tech-Bekleidungsschöpfern unterscheidet: Lapidus will die Trennung von Stoff und Handy auflösen. Die einzelnen Bestandteile des Handys werden in die Jacke integriert, die Antenne verschwindet im Kragen, die Tastatur ist Teil des Ärmels, und das harte Plastik wird durch biegsame und weiche, polymere Materialen ersetzt. Der Vorteil: Der Nutzer kann sich auf seine Handy-Jacke setzen, ohne etwas kaputtzudrücken. Außerdem lässt sie sich waschen und ist wetterfest. "Antropomorphe Kleidung" nennt Lapidus sie: menschenähnlich.

Den Massenmarkt im Visier

Und von einer weiteren Familientradition will sich der Franzose bei Wearlap lösen: Produziert wird in hohen Stückzahlen und nicht wie zu Vaters Zeiten nur in kleinen Serien. Wearlap soll arbeiten wie die meisten großen Modehäuser: Öffentlichkeitswirksame Einzelstücken sollen auf Messen die Marke bekannt machen, die Umsätze bringen weniger spektakuläre Kreationen für den Massenmarkt.

Lapidus Pläne: "Wir starten mit vier Produktlinien: Luxus- und Mittelklasse-Jacken, die wir in Italien herstellen werden und eine billigere Version, die in China produziert werden soll. Außerdem wird es eine spezielle Jacke für kalte Regionen geben, die auch noch bei Minus 40 Grad Celsius voll funktionstüchtig ist. Normalerweise halten Telefone die Kälte nicht aus, und man braucht außerdem nicht die Handschuhe in der Kälte auszuziehen, um die Ziffern zu tippen." Rund 1 500 DM wird so ein Luxus-Exemplar kosten. Wem das zu teuer ist, der kann die chinesische Billigvariante ab 150 DM kaufen.

Lapidus sieht einen riesigen Markt: "Es gibt zur Zeit rund eine Milliarde Mobiltelefone auf der Welt. Wenn wir nur einen Marktanteil von 0,1 Prozent erreichen, wären dies eben 1 Million Jacken unserer Wearlap-Fashion."

Intel als Vorbild

Für die Investoren hieße dies dann eine Rendite von 23 %, behauptet er. Auch Lapidus bekäme einen "ordentlichen Anteil", schmunzelt der Franzose. Doch Geld ist für ihn nicht die eigentliche Motivation: Genauso wichtig sei es für ihn, aus dem Schatten des Vaters zu treten und der Tradition der Modefamilie eine neue, eigene Note zu geben.

Wer ihn allerdings fragt, ob dies alles nicht nur ein Werbegag sei, um sich als Modedesigner bekannter zu machen, bekommt die trotzige Antwort: "Das sind Visionen - mein Vorbild ist Intel. Ich will eines Tages so bekannt sein, dass auf den Etiketten in der Kleidung steht 'Wearlap inside'."

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