Der Showstar über Marketing und Medien
Lernen von Dr. Bohlen

Synergien? Vernetzte Ansätze? Kundenkontakte? Das kann doch nicht der Wortschatz von Dieter Bohlen sein? Doch. Es kann. Im Gespräch mit "Absatzwirtschaft" und Karriere & Management präsentiert sich ein strategisch denkender Musikmanager - der ein großes Ego für einen Erfolgskiller hält.

Herr Bohlen, Sie sind Musiker, Produzent, PR-Manager und Sekretär in Personalunion. Bleibt da die Kreativität nicht auf der Strecke?

Kreativität beschränkt sich ja nicht auf das Musikmachen. Wenn ich mich von der Produktidee über die Produktion bis hin zur Vermarktung um die gesamte Wertschöpfungskette kümmere, dann ist genau das für mich Kreativität. Die meisten Künstler legen ein Ei, wenn es Ihnen gerade in den Sinn kommt, und warten dann darauf, dass ein anderer es für sie ausbrütet. Da bin ich anders. Das dürfte auch daran liegen, dass viele Künstler nicht wirklich etwas gelernt haben. Ich bin immerhin Diplom- Kaufmann und das mit einer ziemlich heftigen Fächerkombination: Revision, Treuhand, Steuern, Organisation und Leitung.

Heute sagen Sie, das Wichtigste im Job sei Marketing. Dieses Fach haben Sie doch hoffentlich auch belegt?

Nein, das wollte ich nicht machen, weil es damals unheimlich angesagt war. Ich bin auch hier meinem Prinzip treu geblieben, mich antizyklisch zu verhalten. Außerdem bringt es einem persönlich am meisten, wenn man sich durch etwas durchquält, was einem nicht so leicht fällt. Meiner Laufbahn im Musikbusiness hat das nicht geschadet, ganz im Gegenteil. Und kreativ bin ich ja auch, wenn ich mir ein Geschäftsmodell überlege. Ein Beispiel: Nachdem die Idee für meine Autobiographie geboren war, habe ich mir ein Jahr lang Zeit gelassen, um den Gedanken reifen zu lassen. Ich habe mir genau überlegt, wie das Produkt und das Marketing aussehen müssten, damit das Buch ein Erfolg wird. Erst als ich das komplette Paket in meinem Kopf hatte, habe ich das Projekt verwirklicht.

Und die Rechnung ging auf?

In diesem Fall, muss ich sagen, ging sie voll auf. Das Buch ist inzwischen eines der erfolgreichsten Bücher der letzten Jahrzehnte. Solche Erfolge sind im Mediengeschäft, in der Musik und auch in den meisten anderen Branchen natürlich die Ausnahme. Die meisten neuen Bücher und Platten sind nach kürzester Zeit wieder aus dem Handel verschwunden. Generell ist es doch so: Von 20 Sachen, die ein Manager anpackt, klappt nur eine.

Bei Dieter Bohlen ist das anders?

Also bei mir ist der Schnitt schon ein bisschen besser. Bei den großen Plattenlabels kommen von 100 Songs fünf in die Charts. Bei mir landeten von 103 Platten 100 in den Charts. Ehrlich, ich kann mich an keine Platte der letzten zwanzig Jahre erinnern, die nicht in die Charts gekommen wäre. Wissen Sie, eine gute CD herausbringen, das können viele. Was dann wirklich über den Erfolg entscheidet, ist das Marketing. Zum Beispiel die neuen Platten von Grönemeyer und Westernhagen: Es war doch klar, dass Grönemeyer in seiner jetzigen Situation absolut unangreifbar ist. Er hat seine Frau verloren und thematisiert das auf seiner neuen CD. Die Platte möchte jeder haben. Und da fällt den Marketingleuten von Westernhagen nichts besseres ein, als kurz nach Grönemeyer die CD auf den Markt zu bringen. Was ist passiert? Kaum war die Westernhagen- Platte da, wurde sie mit dem Erfolg von Grönemeyer verglichen und konnte nur zweiter Sieger werden. Warum, um alles in der Welt, hat Westernhagen nicht ein halbes Jahr gewartet, bis der Grönemeyer-Boom abgeklungen ist. Da sitzen bei Westernhagens Plattenfirma zehn Ober-Marketingstrategen, bekommen Super-Gehälter und machen sich über solche Dinge offenbar keine Gedanken.

Das Buch Platz 1 auf der Bestseller-Liste, 160 Millionen verkaufte Platten, Konzerte mit 250 000 Zuschauern - wie funktioniert das System Bohlen?

Mit Zufall hat das wenig zu tun. Da gibt es handfeste Gründe. Zum Beispiel brachte unsere ausgeklügelte Marketingstrategie rund um das Buch bislang 400 Millionen Kontakte. Da wird es dann leichter verständlich, dass wir schon über 500 000 Bücher verkauft haben.

Wie bekommt man 400 Millionen Kontakte mit potenziellen Kunden?

Hier hat jede Synergie funktioniert, unabhängig vom Medium. Wir hatten zum Beispiel einen Chat, der von T-Online und Bild organisiert wurde. In der ersten Stunde wurden 24 Millionen Klicks und 120 000 Downloads gemessen. Und auch bei den Fernsehauftritten habe ich nichts dem Zufall überlassen. Schon ein Jahr zuvor habe ich Thomas Gottschalk ein Fax geschickt und ihn gefragt, ob ich mit meinem Buch in seine Show kommen kann. Meine Stärke ist: Ich sehe jeden Tag Menschen, die darüber entscheiden, was in den Medien stattfindet, ich treffe auch Bosse aus der Werbung und der Industrie. Mir macht es riesigen Spaß, diese Leute zusammenzubringen, Dinge anzustoßen und einzufädeln, Synergien zu sehen und sie zu nutzen.

Ist dieses Networking das Marketing der Zukunft?

Solche vernetzten Ansätze wird es in Zukunft häufiger geben. Das Ganze könnte noch viel besser funktionieren. Doch wissen Sie, was alles so schwer macht? Das Ego der Leute. Das ist der größte Erfolgskiller überhaupt. Wenn die Menschen es schaffen würden, ihre Eitelkeiten hin und wieder zu vergessen, wäre schon viel gewonnen, dann wären die Synergien viel gewaltiger.

Der Management-Trainer Bohlen...

Es ist schon so, dass die Leute, mit denen ich in der Buchbranche in den letzten Monaten zu tun hatte, viel von mir gelernt haben - oder wenigstens die Dinge auch mal aus einer anderen Perspektive sehen. Das ist ganz wichtig. Generell kann ich sagen: Wenn ich mit den Leuten in den Chefetagen rede, habe ich schon den Eindruck, dass ich dort einiges bewege.

So wie Sie es sagen, hat das etwas Bedrohliches.

Na ja. Ich trete denen manchmal ganz gewaltig in den Hintern. Das ist wahrscheinlich meine Stärke. Ich habe Ideen, von denen ich überzeugt bin und viel Energie, sie umzusetzen. Ein CEO hat mal nach einem Gespräch mit mir zu seinen Mitarbeitern gesagt: Der Bohlen brennt, der Bohlen brennt! Wissen Sie, für mich ist das normal, dass man als Geschäftsmann für seine Projekte Feuer und Flamme ist. Diese vielen Angestellten, die einfach nur eine ruhige Kugel schieben wollen, sind ein riesiges Problem. Das sind hauptberufliche Bedenkenträger und Verhinderer. Was ich einfach nicht mehr hören kann, sind die ewigen Sprüche, was alles nicht geht, was alles wahrscheinlich kein Erfolg wird. Da erzählt man mir zum Beispiel, dass das zweite Buch nach einem Bestseller nur 20 Prozent der Bestseller Auflage erreicht. Solche Sprüche kann ich echt nicht mehr hören.

Was wird in dem zweiten Buch stehen?

Nichts als die Wahrheit.

Schon wieder?

Wenn ein Gericht gut geschmeckt hat, dann ändert man ja nicht die Zutaten. Natürlich wird das Buch anders heißen. Und die Geschichten werden noch schöner sein, als die im aktuellen Buch. Es ist mir noch so viel eingefallen, immerhin sprechen wir hier von 25 Jahren Pop-Business. Zum Beispiel werde ich auch zehn Seiten über den Neuen Markt schreiben.

Über den Neuen Markt?

Ja natürlich. Ich habe damals ja mit vielen Leuten gesprochen, weil ich überlegt habe, überlegt, ob ich selbst an die Börse gehe. Ich habe mit Haffa in München gesprochen, mit Kindervater von der Telekom, mit Schmidt von Mobilcom in Büdelsdorf und mit Jack White in Berlin. Die meisten haben mir abgeraten und ich habe die Finger davon gelassen. Auch bin ich am Neuen Markt rechtzeitig ausgestiegen und so habe ich Gott sei Dank keinen Pfennig mit der New Economy verloren.

Doch es wurde auch nichts aus dem lang ersehnten Sprung vom geknechteten Musiker zum Medienmogul.

Stimmt. Ich habe davon geträumt, in ferner Zukunft einmal meine eigene "Bild"-Zeitung, mein eigenes RTL und meine eigene Plattenfirma zu haben. Daraus ist nichts geworden. Ach, ich bin echt froh, dass ich das mit der AG nicht gemacht habe. Ich hätte meinen wertvollen Musikverlag eingebracht und wahrscheinlich alles verloren.

CEO wurden Sie nicht. Dafür sind Sie vielleicht bald Doktor der Betriebswirtschaft.

Kürzlich hat mich der Wirtschaftswissenschaftler Professor Erik von Grawert-May angerufen. Er hatte seinen Studenten an der Lausitz-Fachhochschule mein Buch zur Lektüre empfohlen, weil er die Erfolgsregeln, die ich darin formuliere, für sehr brauchbar hält. Sie seien in vielem deckungsgleich mit den Erfolgsrezepten amerikanischer Professoren. Er hat mir angeboten, als Gastdozent Vorlesungen an der Fachhochschule zu halten oder auch über meine Marketing- und Erfolgsstrategien zu promovieren. Als meine Geschäftspartner mitbekommen haben, dass ich darüber nachdenke, haben sie ganz aufgeregt bei mir angerufen. Die haben natürlich Angst, dass ich jetzt abtauche um meine Dissertation zu schreiben. Soviel ist klar: Durch den Zeitaufwand würde mich die Doktorarbeit Millionen kosten.

Sechs Millionen Deutsche wollen die Verfilmung ihres Buches sehen. Wann kommt der Bohlen-Film?

Man muss jetzt mal schauen, wer das machen würde. Auf jeden Fall müsste es ein schöne Komödie werden, so im Michael Herbig-Stil. Und es müssten Leute wie Esther Schweins, Anke Engelke und meinetwegen auch Verona Feldbusch mitspielen. Und Stefan Raab könnte den Gärtner geben. Den Film sollte man aber nur machen, wenn man eine gute Truppe zusammen bekäme. Was letztlich damit passiert, entscheide ich, denn ich habe alle Rechte an dem Stoff.

Und was ist eigentlich mit der Musik?

Im März kommt das neue Modern Talking-Album. Ich mache jetzt schon die Termine für die Fernsehauftritte. Das schöne ist, dass mein Partner Thomas Anders mir den Freiraum gibt, das gesamte Marketing zu machen. Wenn Modern Talking zwei Bohlens hätte, dann gäbe das Mord und Totschlag.

Man hört, Sie würden in Zukunft auch im Fernsehen kräftiger mitmischen.

Also Fernsehen ist das wichtigste Medium überhaupt. Im März steht die Endausscheidung für "Deutschland sucht den Superstar" an. Wir werden dann ein junges Talent gefunden haben, das ich produziere und aufbaue. Ich bin mir sicher, dass wir aus dem jungen Menschen tatsächlich einen Super-Star machen können, dass seine Lieder das Zeug dazu haben, von Null auf Eins gehen zu können. Es gibt einfach gewisse Spielregeln, die man beachten muss. Das haben ähnliche Projekte in Deutschland und im Ausland gezeigt. Ich denke, dass wir mit der Schlusssendung, in der der Star dann vom Publikum gewählt wird, bestimmt eine Zuschauerbeteiligung von elf Millionen haben. Wenn der neue Star wirklich gut ist, werde ich sicher noch ein paar weitere Songs mit ihm produzieren. Später werde ich eine andere Sendung auf RTL machen. Die muss nicht unbedingt etwas mit Musik zu tun haben. Und ich möchte auch nicht moderieren.

Sondern?

Lieber so etwas, was wir beide hier machen. Es muss unheimlich locker und innovativ sein. Das ist meine Stärke. Mehr wird nicht verraten.

Weihnachten steht vor der Tür. Was wünschen Sie sich?

Das, was ich zur Zeit mache, dieses Marketing, das macht mich sehr glücklich. Es macht mir im Moment mehr Spaß, als die Musik. Wenn ich ganz frei ein Leben wählen könnte, würde ich genau dieses Leben wählen. Was ich als Abschluss meines Schaffens, so in ein paar Jahren vielleicht, noch gerne machen würde: Ich wäre gerne Marketing-Chef in einem großen Unternehmen.

Das ist nicht Ihr Ernst.

Doch! Ich weiß, ich habe gesagt, dass ich so etwas bislang gescheut habe, wegen all der administrativen Dinge, die mit so einem Job verbunden sind. Dennoch würde mich das wirklich reizen, denn ich war noch nie so ein richtiger Angestellter. Vielleicht kann man da ja doch sehr viel bewegen.

Die Fragen stellte Martin Seiwert, Redakteur der Absatzwirtschaft

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Zur Person:

DIETER BOHLEN wurde 1954 als Sohn eines Bauunternehmers in Oldenburg geboren. Gitarren- und Klavierunterricht bekam er erstmals mit zehn Jahren. Mit 17 machte er Abitur und studierte anschließend Betriebswirtschaft an der Universität in Göttingen. 1979, ein Jahr nach seinem Diplom, stellte ihn der Hamburger Musikverlag Intersong als Komponist und Produzent ein. Seinen Durchbruch als Musiker erreichte Bohlen in der Mitte der 80er-Jahre mit der Popgruppe "Modern Talking". Gemeinsam mit Sänger Thomas Anders erreichte Dieter Bohlen fünfmal die Nummer eins der deutschen Single-Charts. Die erste Single "You´re my heart, you´re my soul" verkaufte sich sechs Millionen Mal.

Insgesamt setzte Modern Talking mehr als 42 Millionen Tonträger ab. 1987 trennte sich das Duo, Dieter Bohlen gründete bald darauf die Band "Blue System". An die Erfolge der Hits wie "Brother Louie" konnte er in Deutschland nicht mehr anknüpfen. Trotzdem veröffentlichte er mit der Band in zehn Jahren 13 Alben, von denen elf den Goldstatus erreichten. Nebenbei produzierte Bohlen andere Künstler wie C.C. Catch, Taylor Dayne oder Marianne Rosenberg. 1998 startete Modern Talking mit einem Remix-Album ein erfolgreiches Comeback. Seitdem hat das Popduo über 400 Gold-, Platin- und Doppelplatinauszeichnungen erhalten. Auch als Autor ist Bohlen neuerdings erfolgreich. Seine mit Klatsch-Reporterin Katja Keßler geschriebene Biografie "Nichts als die Wahrheit" verkaufte sich bisher um die 500 000 Mal und soll verfilmt werden.

Quelle: Handelsblatt

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