Der Sohn einer kinderreichen Bauernfamilie lässt sich nicht gerne in die Karten schauen
Rewe-Chef Hans Reischl - Er kauft und kauft und kauft

Er hat eine Traumkarriere gemacht: vom Bauernjungen zu einem der einflussreichsten Manager in Europa. Er hat aus einem verschlafenen genossenschaftlichen Einkaufsverbund einen schlagkräftigen Einzelhandelskonzern geschmiedet. Und nun will Hans Reischl, der Vorsitzende des Vorstands der Kölner Rewe AG, mit der Übernahme des Düsseldorfer Ferienfliegers LTU auch noch in die Riege der führenden Touristikkonzerne in Europa vorstoßen.

Die Verkündung dieses spektakulären Deals überließ er anderen. Reischl hatte Wichtigeres zu tun. Als Aufsichtsratsvorsitzender der Pro Sieben Media AG leitete er deren außerordentliche Hauptversammlung in München. Seit gestern steht fest: Ohne die Stimmen seines Freundes Reischl hätte Leo Kirch weder die Fusion mit Sat.1 zustande gebracht, noch die Mehrheit an der neuen Pro Sieben Sat.1 Media bekommen.

Wer ist der Mann, der über die Neuordnung der deutschen TV-Landschaft gebietet und gleichzeitig die Touristikbranche aufmischt?

Als Sohn einer kinderreichen Bauernfamilie wurde Hans Reischl am 6. Dezember 1939 im Dörfchen Heindlschlag bei Passau geboren - dort wo die Welt nicht nach Grüblern verlangt, sondern nach Machern. Doch in der niederbayerischen Provinz wird es ihm alsbald zu eng. Am Abendgymnasium holt der gelernte Einzelhandelskaufmann das Abitur nach. Anschließend schreibt er sich an der Kölner Universität im Fach Betriebswirtschaftslehre ein. Nebenbei jobbt er in der Zentrale der Einzelhandelsgenossenschaft Rewe. Das inspiriert den jungen Mann zu zusätzlichen Studien - über "die Wettbewerbsfähigkeit von Genossenschaften und anderen Rechtsformen". Schnell wird Reischl klar: Bei den Genossen will er einmal Karriere machen.

1970 heuert er, inzwischen Diplom-Kaufmann, bei Rewe an und wird 1974, noch nicht mal 35, das jüngste Vorstandsmitglied. Drei Jahre später ist er Vorstandschef. Sein erklärtes Ziel: Rewe zur größten und profitabelsten Handelskette im Lande zu machen.

Konflikte hat Hans Reischl nie gescheut. Auch durch Rückschläge lässt er sich von seinem Weg nicht abbringen. Wer eine Genossenschaft in der sich immer stärker konzentrierenden Lebensmittelbranche voranbringen will, muss bereit sein, Auseinandersetzungen auszutragen. Ist es da ein Wunder, dass ehemalige Mitarbeiter seinen Führungstil als herrisch und wenig kooperativ beschreiben? Reischl selbst beurteilt sich milder: Er sei "im Grunde noch viel zu gutmütig", seine Leute hätten "sehr viel Freiheiten", beharrt er. Das Einzige, was Hans Reischl nach eigenem Bekunden überhaupt nicht verträgt, ist "mangelnde Loyalität".

Er hat aber auch große Stärken - etwa sein feines Gespür und seine schier unendliche Geduld. Wie kein Zweiter wittert der Rewe-Chef Chancen, manchmal Jahre im Voraus. Persönliche Beziehungen pflegt er diskret, aber ausdauernd, und wartet auf den Tag, an dem sie sich auszahlen. 1996 gelingt ihm so sein großer Coup in Österreich: Die Rewe übernimmt die österreichische Billa-Gruppe, womit Reischl sich auch gleich die Marktführerschaft im südlichen Nachbarland sichert. Den Billa-Eigentümer Karl Wlaschek hatte Reischl Jahre zuvor auf den Salzburger Festspielen kennen gelernt.

Reischl ist Rewe, und die Rewe ist Reischl. Nur er allein kennt die Strukturen des Unternehmens genau - was bei seinem Abgang sicher zum Problem wird. Auch dem erlauchten Kreis von Journalisten, die er traditionell am Aschermittwoch zur Pressekonferenz einlädt, verrät der kleine, leicht untersetzte Bayer im Grunde nichts. Woher er die Milliarden für seine Akquisitionen nimmt, weiß niemand.

Unter seiner, mittlerweile fast ein Vierteljahrhundert währenden Regentschaft, hat sich die Rewe Gruppe zu einem Unternehmen entwickelt, das in geradezu idealer Weise die Vorteile der Genossenschaft mit denen des Konzerns zu verknüpfen versteht. Und noch dazu auf die erwirtschafteten Gewinne so gut wie keine Steuern zahlt. Verlustvorträge von mehreren Milliarden Mark hat Händler Reischl in den vergangenen Jahren eingekauft.

Während Rewe landläufig noch immer als der Lebensmittelhändler an der Ecke gilt, ist die Gruppe mit ihren fast 140 000 Beschäftigten, ihren 11 500 Märkten, ihrer Beteiligung an Pro Sieben und einem beachtlichen Tourismus-Engagement längst ein Machtfaktor in Deutschland. Gleichwohl ist Reischl, der im Kölner Villenviertel Marienburg im Haus des ehemaligen Bayer-Chefs Ulrich Haberland wohnt, ein bescheidener Mann geblieben. Seine Freizeit verbringt der zweifache Vater am liebsten auf dem Golfplatz. Sein Handicap liegt bei 21. Da kann er sich gewiss noch steigern.

Markus Hennes
Markus Hennes
Handelsblatt / Redakteur
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