Der Spalt zwischen Friedensgegnern und -befürwortern in Tel Aviv wächst
In Israel meutern bereits Teile der Armee

In einem Punkt sind sich die Israelis einig: So kann es nicht weitergehen. Seit dem Ausbruch der zweiten Intifada im September 2000 sind mindestens 270 Israelis von palästinensischen Extremisten umgebracht worden. Allein in der vergangenen Woche haben zwölf Soldaten ihr Leben verloren. Die Zahl der Bürger, die einen radikalen Kurswechsel fordern, wächst.

TEL AVIV. Doch mit dieser Feststellung hört die Einmütigkeit schon auf. Die Suche nach Alternativen spaltet die israelische Gesellschaft. Während ein Teil der Bevölkerung nach den blutigen Terrorattacken überzeugt ist, dass ein Frieden mit Palästinenserführer Jassir Arafat und seinem Volk auf absehbare Zeit unmöglich ist, sind andere zur Überzeugung gelangt, dass ein Friedensvertrag mit Arafat jetzt erst recht notwendig sei. Das Friedenslager wertet die beiden jüngsten Kundgebungen, an denen jeweils 10 bis 15 000 Demonstranten einen Abzug aus den besetzten Gebieten forderten, als positives Zeichen. "Peace Now" ist heute populärer als vor wenigen Wochen. Damals konnte das Friedenslager deutlich weniger Sympathisanten mobilisieren.

Der Regierung und vor allem der Armee machen jedoch nicht nur die Demonstranten zu schaffen. Die täglich wachsende Zahl von Reservesoldaten, die sich weigern, in den besetzten Gebieten Dienst zu tun, wird zum größeren Problem. "Wir sind nicht mehr bereit, in diesem Krieg für die Siedlungen zu kämpfen", heißt es in einem Brief, den mittlerweile bereits 270 Männer unterschrieben haben. Sie seien jederzeit willens, sich für die Verteidigung Israels einzusetzen - aber nur innerhalb der Grenzen von 1967. Weder Besatzung noch Unterdrückung der Palästinenser würden diesem Ziel dienen, heißt es im Brief weiter. Die Gruppe wird von prominenter Seite unterstützt: etwa vom ehemaligen Rechtsberater von Jitzchak Rabin und Schimon Peres.

Einen Kurswechsel verlangt ferner eine einflussreiche Gruppe von 1 200 ehemaligen Generälen, Obersten und hohen Geheimdienstbeamten. Sie trat in dieser Woche mit der Forderung an die Öffentlichkeit, dass sich Israel aus einem Teil der besetzten Gebiete zurückziehen und die Grenze neu bestimmen und befestigen solle, ohne die Aufnahme von Verhandlungen mit Arafat abzuwarten. Demnächst will die Gruppe mit dem Slogan "Wir sagen den Palästinensern shalom" an die Öffentlichkeit treten, wobei das Wort "shalom" sowohl "Frieden" als auch "Auf Wiedersehen" bedeutet.

Die Idee eines einseitigen Rückzugs findet in der Bevölkerung viel Rückhalt. Sie wird laut einer Meinungsumfrage derzeit von rund 60 Prozent der Israelis unterstützt. Eine Minderheit befürchtet allerdings, dass ein Rückzug von den Palästinensern als Schwächezeichen interpretiert würde, worauf sie ihre Angriffe steigerten.

Aber auch die extreme Rechte verschafft sich zunehmend Gehör. Sie fordert zumindest einen erneuten Einmarsch in die autonomen Palästinensergebiete und eine Entwaffnung der militanten Gruppen. Prominentester Wortführer dieser Argumentation ist der ehemalige Premier Benjamin Netanjahu, der Scharon als Parteichef ablösen möchte.

Noch weiter geht die Forderung der rechts-nationalen Moledet- (Heimat-)Partei, die in der Koalitionsregierung mit Tourismusminister Beni Elon vertreten ist. Falls die Araber einen Krieg gegen Israel beginnen, müssen sie damit rechnen, dass die 3,5 Millionen Palästinenser nach Jordanien oder in andere Länder vertrieben werden, warnt er. Elon hofft, dass die Palästinenser früher oder später das Gebiet sowieso räumen werden; andernfalls wäre seiner Meinung nach eine zwangsweise Vertreibung zu erwägen. Laut einer in der Tageszeitung "Maariv" publizierten Umfrage unterstützen derzeit 35 Prozent der Israelis den so genannten Transferplan.

Während also linke und rechte Politiker nach einem Ausweg aus der Gewaltspirale suchen, ruft Ariel Scharon zum Durchhalten auf und verlangt von der Bevölkerung Standfestigkeit. Seine Unbeweglichkeit schadet seiner Popularität. Konnte sich Scharon bis vor kurzem noch höchster Beliebtheit erfreuen, ist heute die Mehrheit der Israelis mit seiner Leistung in Sachen Sicherheit nicht mehr zufrieden. Das Massenblatt "Yedioth Achoronot" brachte die Kritik an Scharon auf den Punkt, in dem sie an einen Ausspruch des Ministerpräsidenten erinnert: "Wir werden das Sicherheitsproblem in den Griff kriegen", hatte er gesagt - die Äußerung ist mittlerweile ein halbes Jahr alt.

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