Der Stahlmarkt steht unter einem günstigen Stern
Die Zeit der Zykliker kommt

Stahlaktien profitieren meist stark zu Beginn einer Aufschwungphase. Auch die US-Strafzölle trüben den Optimismus nur vorübergehend.

Alles wird gut, vielleicht sogar besser als gut - so skizzieren Wirtschaftsforscher und Notenbanker die konjunkturelle Entwicklung der nächsten Monate. Es geht also aufwärts, und die Branchen, die besonders anfällig sind für das Auf und Ab der Wirtschaft, profitieren jetzt stark. Zu diesen zyklischen Werten zählen die Aktien der Stahlindustrie. Stahlaktien ziehen an, wenn die Aussicht besteht, dass bald wieder mehr Autos verkauft, mehr Maschinen gebaut und vielleicht sogar mehr Stahlträger für die Bauindustrie gebraucht werden. Allerdings lassen sich die Aktien der Branche nicht über einen Kamm scheren, Anleger sollten genau hinsehen, ehe sie kaufen.

Da sind die großen der Branche, allen voran Arcelor. Die weltweite Nummer eins, hervorgegangen aus der luxemburgischen Arbed, der französischen Usinor und der spanischen Aceralia, ist Ende Februar an der Börse gestartet, gerade zu dem Zeitpunkt, als sich Anzeichen für eine positive Konjunkturentwicklung häuften. Die allermeisten Analysten haben den Stahlriesen auf "Kaufen" eingestuft. Zwar habe die Börse das Anziehen der Stahlkonjunktur zum Teil schon vorweggenommen, innerhalb der nächsten Monate stecke aber noch zusätzliches Potenzial im Arcelor-Kurs, meinen sie.

Der Stahlmarkt steht unter einem günstigen Stern

Der neue Riese ist im Stahlbereich breit aufgestellt: Von den so genannten Langprodukten, das sind etwa Träger für die Bauindustrie, bis hin zu Flachstahl für die Autoindustrie bietet Arcelor ein abgerundetes Programm an Standard-Stahlprodukten. In jedem dritten europäischen Auto steckt Arcelor-Stahl, Europas Bahnindustrie deckt 20 Prozent ihres Stahlbedarfs bei Arcelor. Bei Getränkedosen und Haushaltsgeräten ist der Hersteller nach eigenen Angaben sogar die europaweite Nummer eins.

Thyssen-Krupp dagegen, weltweit die Nummer sieben unter den Stahlproduzenten, hat sich im Stahlbereich auf Flachstahl und Edelstahl konzentriert, ist dafür aber noch in anderen Branchen aktiv: Man baut Aufzüge und Maschinen, hat eine Immobilien-Tochter - ein Gemischtwarenladen also, wie ihn Analysten gar nicht gerne sehen. Das Urteil über die Thyssen-Krupp-Aktie fällt entsprechend zurückhaltend aus: Die meisten Analysten haben den Wert auf "Halten" eingestuft. Optimistischer ist Rainer Münch, Analyst bei der DZ Bank. Einer der Gründe, die aus seiner Sicht für Thyssen-Krupp sprechen: Das Unternehmen könnte davon profitieren, dass mit Arcelor ein neuer Gigant am Stahlmarkt entstanden ist. "Es gibt Kunden, die jetzt ihre Bezugsquelle ändern, weil sie nicht so stark von einem großen Hersteller abhängig sein wollen. Zu den Auflagen, die die EU-Kommission Arcelor gemacht hat, gehört, dass der Konzern sich von mehreren Stahlwerken trennen muss, da werden für Thyssen-Krupp Zukäufe möglich. Außerdem könnte es zu größerer Preisdisziplin führen, wenn die Zahl der Anbieter sinkt", argumentiert Münch. Bereits seit November vergangenen Jahres hat er die Aktie auf "Kaufen" eingestuft.

Auch die Analysten der Hypo-Vereinsbank (HVB) empfehlen den Kauf der Thyssen-Krupp-Aktie. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass der Konzern nun in zweien seiner Geschäftsfelder - Stahl und Maschinenbau - von der bevorstehenden Belebung der Nachfrage profitieren wird. Der Umstand, dass der Konzern sich nicht - wie von Analysten gewünscht - auf ein Geschäftsfeld konzentriert, könnte der Aktie diesmal also sogar zum Vorteil gereichen.

Es lohnt sich, auch kleinere Unternehmen der Stahlbranche zu beachten. Beispiel Salzgitter: Der Konzern beliefert vornehmlich die Automobil- und Zulieferer-Industrie mit Stahl, hat aber außerdem im Jahr 2000 die Mannesmannröhren-Werke AG übernommen - und sich damit zunächst viel Kritik eingehandelt. Doch die erwies sich als unbegründet. Ölmultis erneuern zurzeit weltweit in großem Umfang ihre Pipelines, das Geschäft mit den Röhren entwickelt sich daher hervorragend und wird zur Stütze des gesamten Salzgitter-Geschäfts.

Salzgitter versucht erst gar nicht mehr, mit Stahlprodukten den Massenmarkt zu bedienen. Viel besser fährt das Unternehmen mit der Konzentration auf besonders hohe Qualität. Als vergleichsweise kleiner Hersteller kann Salzgitter zudem besonders schnell auf sich ändernde Anforderungen des Marktes reagieren. Das Gesamtkonzept überzeugt Analysten: Sie raten überwiegend zum Kauf.

Ähnlich verhält es sich beim österreichischen Hersteller Voestalpine. Die Analysten sind für die Aktie überwiegend auf "Kaufen" eingestimmt. Voestalpine hat etwa nach Einschätzung der Investmentbank Goldman Sachs ein erhebliches Kurspotenzial. Die Österreicher haben sich auf ertragreiche Nischen konzentriert und beliefern die stark wachsenden zentral- und osteuropäischen Automärkte.

Stahlzölle drücken auf die Preise

Insgesamt steht der Stahlmarkt also unter einem günstigen Stern. Aber auch die Welt des Stahls ist nicht frei von Sorgen und Nöten. Ein Problem hat die US-Regierung geschaffen. Um die eigenen Stahlkocher zu schützen, die mit ihren veralteten Anlagen zu teuer produzieren und daher auf dem Weltmarkt nicht mehr so recht mithalten können, hat die amerikanische Regierung in der vergangenen Woche für bestimmte Stahlprodukte Strafzölle beschlossen: Ausländische Stahlhersteller, die ihre Ware in den USA verkaufen wollen, werden mit einer Abgabe von bis zu 30 Prozent belastet.

Das verstößt gegen alle Grundsätze des Freihandels und ist daher ein Ärgernis. Doch die Stahlkonzerne geben sich gelassen. Jedes einzelne Unternehmen rechnet vor, dass es das Glück hat, gerade nicht besonders stark von den Zöllen betroffen zu sein. Bei Voestalpine hat man - natürlich - "kein Verständnis" für die Maßnahme, weist aber darauf hin, dass "nennenswerte direkte negative Auswirkungen der US-Maßnahmen auf die Voestalpine AG" nicht zu befürchten seien, da man nur wenig in die USA liefere. Auch bei Thyssen-Krupp gibt man sich zuversichtlich: Die von den Zöllen betroffenen Lieferungen machten nur zwei Prozent des Gesamtumsatzes der Thyssen-Krupp Steel AG aus.

Doch das ist nur eine Seite der Medaille. Die stärker betroffenen asiatischen Hersteller können wegen der Zölle nun weniger Stahl in Amerika verkaufen - und überschwemmen ersatzweise den europäischen Markt mit ihren Produkten. Das drückt auf die Preise.

Allerdings scheinen die Analysten dieses Szenario nicht so sehr zu fürchten. Die Verhängung der Strafzölle hatte zwar in der vergangenen Woche zunächst auf die Kurse gedrückt. Doch nach dem ersten Schrecken stellte sich rasch eine Erholung ein. Die Aussicht auf eine anziehende Konjunktur beeindruckt Investoren deutlich mehr als die Strafzölle der Amerikaner.

Klaus Stratmann berichtet als Korrespondent aus Berlin.
Klaus Stratmann
Handelsblatt / Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%