Der stellvertretende Chef der Holding Investor im Porträt
Jacob Wallenberg: Der konservative Erneuerer

Hier sitzt er also. Einer der mächtigsten Männer Schwedens und Träger eines Namens, der für viele das Synonym für Macht und Reichtum ist. Jacob Wallenberg bittet in sein kleines Refugium am Hauptsitz der Bank SEB im Zentrum Stockholms, nur einen Steinwurf vom eigentlichen Machtzentrum der Wallenbergs, der Holding Investor, entfernt.

STOCKHOLM. Er, stets korrekt ohne jeden modischen Schnickschnack gekleidet, ist Chef der SEB und stellvertretender Vorstandschef der Investor.

"Hier vielleicht können wir uns setzen?" Sein fragender Blick signalisiert eine kurze Sekunde Unsicherheit, denn immerhin stapeln sich Ordner und Papiere auf dem länglichen Tisch. "Meine Beraterin arbeitet gerade hier", entschuldigt er sich und räumt dann geübt die hohen Papierberge beiseite.

So sind sie wohl, die Wallenbergs. Stets bemüht, den Eindruck von Normalität zu vermitteln. Hier wuseln nicht viele Sekretäre herum, hier holt der Chef noch selbst den Kaffee und teilt sich auch schon einmal sein Arbeitszimmer mit seinem Berater.

Es geschieht nicht oft, dass Jacob Wallenberg Journalisten empfängt. "Zu wenig Zeit", wie er sagt, aber vermutlich auch schlechte Erfahrungen. In Schweden schaut man genau hin, wenn einer, der viel hat, immer noch mehr will. Die Wallenberg-Familie gehört zu einer der letzten Dynastien in Europa und zu den mit Abstand einflussreichsten Familien in Schweden.

Jacob Wallenberg und sein Cousin Marcus haben die Aufgabe übertragen bekommen, das Familienimperium weiterzuführen. Marcus als Vorstandschef von Investor, Jacob bei der familieneigenen Bank SEB. Das Imperium ist an fast allem beteiligt, was in Schweden und darüber hinaus Rang und Namen hat: ob ABB, Astra Zeneca, Ericsson, Electrolux, SAS oder SEB.

Als der mittlerweile 76-jährige Peter Wallenberg vor einigen Jahren die Geschäfte an seinen Sohn Jacob und den Neffen Marcus übertrug, kritisierte die schwedische Presse die fünfte Wallenberg-Generation als zu jung und zu unerfahren. Doch die beiden zeigten, dass im Hause Wallenberg, das als konservativ und schwerfällig galt, neue Zeiten angebrochen sind. Die Youngster schnitten alte Zöpfe ab, investierten Milliarden in Unternehmen der Telekom - und IT-Branche, stiegen bei Biotech-Firmen ein. Und zahlten Lehrgeld. Allein in den ersten sechs Monaten dieses Jahres sank der Wert der wichtigsten Investor-Beteiligungen wegen der Flaute an den Aktienmärkten um rund 25 Milliarden Kronen (2,8 Milliarden Euro).

"Wir fassen unsere eigenen Beschlüsse, und dann werden wir sehen, ob sie gut oder schlecht waren", verteidigt er den Einstieg in die New Economy. Dann erklärt er eines der Familienprinzipien: "Wir wollen Einfluss auf die Unternehmen haben, in die wir investieren, wollen aktiv in den Vorständen mitarbeiten", sagt er und bedauert gleichzeitig, dass sich die Zeiten geändert haben. "Vor 100 Jahren konnte ein Individuum mit einer guten Idee ein Vermögen verdienen." Heute wollten nur noch wenige Verantwortung übernehmen, langfristig investieren.

Noch funktioniert das enge Kontaktnetz zu Politik und Wirtschaft, dass den Wallenbergs seit mehr als einem Jahrhundert zu Macht und Einfluss verholfen hat. Doch Wallenberg, ein passionierter Segler, muss das Familien-Schiff derzeit durch raue See steuern: die Asbest-Krise bei ABB, der Wertverlust vieler Beteiligungen und die wachsende Kritik von Anlegern, dass der Börsenwert von Investor niedriger liegt als die Summe der Beteiligungen der Wallenberg-Holding.

Warum bleibt er trotz der rekordhohen Steuern noch in Schweden? "Ich bin ein Patriot, aber ich bin weltoffen", sagt der überzeugte Euro-Anhänger.

An den Wänden in seinem Stockholmer Büro hängt Geschichte. Und über dem länglichen Tisch schauen seine Vorväter streng auf das Geschehen. "Ich glaube, die Grundpfeiler von type="unknownISIN" value="? Investor">Investor stehen auch noch in 85 Jahren. Unser Geschäftsmodell bleibt bestehen", scheint Jacob Wallenberg sie beruhigen zu wollen.

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
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