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Der stille Schrecken aus Erkrath

Für Gesprächspartner ist Wallstreet Online-Chef André Kolbinger ein höflicher, sympathischer junger Mann. Für Wirtschaftsverlage und Online-Broker dagegen der Beweis, dass sie versagt haben. Heute steht ein weiterer Teil seines Triumpfzugs an.

Der Firmensitz passt so gar nicht zum Unternehmen: In einem denkmalgeschützten, renovierten Gehöft an der Stadtgrenze von Erkrath residiert das Finanzportal Wallstreet Online. New Economy-Hektik strahlt allenfalls der herumtobende Wachhund aus, ansonsten wirkt alles ruhig und stilvoll.

Auch Vorstandschef André Kolbinger gehört nicht zu den Lautsprechern der digitalen Branche. Fast andächtig leise schilderte er gestern in einem Gespräch mit Netzwert seine neuen Pläne: Auf einer Pressekonferenz am heutigen Mittwoch wird er den Weg von Wallstreet Online in den Handel mit Aktien verkünden, auch den Gang an die Börse noch in diesem Winter will er bestätigen.

Deutschlands Wirtschaftsverlagen und Online-Banken wird das weitere Bauchschmerzen bereiten. Denn bereits heute ist ihnen Wallstreet Online ein Dorn im Auge: Mit rund 10 000 Einträgen täglich sind die Diskussionforen von Kolbingers Unternehmen die Online-Gemeinschaft Nummer eins in Deutschland. Nirgends sonst tauchen so interessante Gerüchte über Unternehmen des Neuen Marktes auf. Genau das hätten andere auch gern geschafft - aber die Nutzer sprangen lieber auf den unabhängigen Außenseiter.

Doch hinter Wallstreet Online steht kein großer Konzern, sondern ein 25jähriger Brandenburger, der es gerade einmal eine Stunde in einer Universität aushielt. Mit 22 startete Kolbinger seine Karriere als Praktikant, dann als Trainee und schließlich als Pressesprecher eines Düsseldorfer Wertpapierhändlers. Doch der hatte kein Interesse an einem Internet-Portal, dass der ehrgeizige Angestellte gern auf die Beine gestellt hätte. Also startete Kolbinger vor drei Jahren auf eigene Faust mit einem Startkapital von 20 000 Mark und der Hilfe eines Freundes.

Heute ist das Finanzportal einiges mehr wert. Für viele andere Gründer wäre das ein Grund, sich bei jeder Gelegenheit in Szene zu setzen, für Fotografen zu posieren und keine High-Society-Party auszulassen. Kolbinger hält sich wohltuenderweise zurück. Mit breitem Lächeln und leiser Stimme kommentiert er: "Die Rolle als Außenseiter gefällt uns ganz gut."

Thomas Knüwer
Thomas Knüwer
Handelsblatt / Reporter
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