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Der "Sub" ist wieder da

Vier Jahre und vier Monate war er verschwunden. Abgetaucht. Und nur selten hat man von ihm gelesen oder gehört in dieser Zeit. Fast hätte man Subcomandante Marcos, den Führer der Zapatisten-Rebellen in Mexiko, ganz vergessen.

Vier Jahre und vier Monate war er verschwunden. Abgetaucht. Und nur selten
hat man von ihm gelesen oder gehört in dieser Zeit. Fast hätte man Subcomandante
Marcos, den Führer der Zapatisten-Rebellen in Mexiko, ganz vergessen. Aber am
Wochenende tauchte er im Urwald des südlichen Bundesstaats Chiapas wieder
auf. Bei einer Versammlung von 32 linken Organisationen und Sympathisanten aus
dem In- und Ausland teilte der Rebellenführer gegen Mexikos politische Linke aus
und rief dazu auf, neue Allianzen jenseits der politischen Parteien zu
gründen. Anstatt sich nur auf die Indiobevölkerung im Südosten Mexikos zu
beschränken, wollen die Zapatisten von nun an Einfluss auf die Politik ganz Mexikos
nehmen.

Marcos trat in seinem traditionellen Outfit an die Öffentlichkeit: Uniform,
Skimütze, Pfeife, Pistole und ein halbes Dutzend Leibwächter. Um die Hüften
hatte der "Sub" in den Jahren des Untergrunds einige Kilo zugelegt, ebenso hat
sein Diskurs an Schärfe zugenommen: Vor allem gegen die Linkspartei PRD zog
Marcos verbal zu Felde: "Sie verachten uns und werden dafür bezahlen", sagte er
und fügte hinzu: "Wir werden sie klein kriegen". Besonders hart ging Marcos mit
Andrés Manuel López Obrador, dem PRD-Kandidaten für die Präsidentschaftswahl
ins Gericht: Er habe die sozialistischen Ideale verraten und sei zu einem
"sozialen Liberalismus" konvertiert. López Obrador sei autoritär und machtbesessen
und verkörpere lediglich ein neues Gesicht des Neoliberalismus.

Marcos Rundumschlag ist ein weiterer Versuch der Zapatisten, sich auf Mexikos
politischer Bühne wieder Gehör zu verschaffen. Erst vor einigen Wochen waren
die Rebellen des Zapatistischen Nationalen Befreiungsheeres (EZLN) mit der
überraschenden Ankündigung an die Öffentlichkeit getreten, von nun an auf den
bewaffneten Kampf verzichten und sich in die Politik einmischen zu wollen. Die
EZLN-Rebellen hatten sich am 1. Januar 1994 im bitterarmen Chiapas erhoben, um
für mehr Rechte für die rund zehn Millionen Ureinwohner Mexikos zu kämpfen. Die
Gefechte mit den mexikanischen Streitkräften dauerten nur wenige Tage, und
die Verhandlungen mit der aktuellen Regierung von Präsident Vicente Fox um ein
Indio-Gesetz wurden 2001 in den parlamentarischen Mühlen zerrieben. Seither war
es still geworden um die Zapatisten. Wenn überhaupt, war Marcos in jüngster
Zeit auf den vermischten Seiten der Zeitungen zu lesen. Entweder als Autor
einer Polit-Novelle oder mit der Ankündigung, das EZLN werde ein Fußballspiel
gegen Inter Mailand austragen.

Marcos und seine Kämpfer rechtfertigten ihren Aufstand vor elf Jahren mit
Wahlbetrug, Korruption und Vetternwirtschaft der regierenden Partei der
Institutionalisierten Revolution PRI. Aber mit dem Wahlsieg des bürgerlichen Kandidaten
Fox bei der Präsidentschaftswahl im Juli 2000 fiel das PRI-Regime nach 71
Jahren ganz ohne Waffen. Und damit verschwand ein wichtiger Legitimationsgrund
für den Kampf der EZLN.

Geblieben ist aber der Appell an eine gerechtere Gesellschaft. Weder die
Autonomie für die 56 Indiovölker Mexikos ist erreicht, noch hat sich ihre
wirtschaftliche Situation entscheidend gebessert. Die Zahl der Indios unter den rund
40 Millionen armen Mexikanern ist überdurchschnittlich hoch. In Chiapas können
nach wie vor rund eine Million Menschen von dem Stück Land, das ihnen gehört,
nicht leben. Daher ziehen weiter Zehntausende in Richtung Norden, um in den
USA oder in anderen Teilen Mexikos Arbeit zu finden.

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