Der Tabakkonzern BAT leistet sich ein Durchschnitts-Team in der Formel 1 und mit Jacques Villeneuve einen Top-Verdiener
Viel Rauch um nichts in der Boxengasse

Mit British American Racing tummelt sich in der Formel 1 ein Team, das bislang eher unorthodox daherkam. Die größten Erfolgen gelangen im PR-Bereich, weniger auf der Rennstrecke. Nach Sparmaßnahmen und personellen Veränderungen soll aber schon bald alles besser werden.

STUTTGART. Blauäugig sind sie das Abenteuer Grand-Prix-Sport angegangen, richtig blauäugig. Craig Pollock hat die markantesten Augen in der ganzen Boxengasse, und mit Hilfe ihrer Strahlkraft hatte er die Sympathie- und Publicitywertungen bereits gewonnen, ehe British American Racing auch nur an den Start ging.

Das wohl klingende BAR-Thesenpapier ("Mehr Spaß in der Formel 1 - eine Vision") aber wirkt am Ende der mittlerweile vierten WM-Saison wie ein Witz. Sportlich immer noch im Hintertreffen, finanziell von Verbindlichkeiten in dreistelliger Millionenhöhe gedrückt - gemessen an der ursprünglichen Erwartungshaltung hat das erste echte Rennteam der Tabakindustrie mit dem Hauptgeldgeber British American Tobacco (BAT) bislang vor allem viel Rauch um nichts produziert.

Das Pünktchen, das Oliver Panis mit seinem sechsten Platz unlängst beim Europaabschied der Formel 1 einfahren konnte, muss wie ein kleiner Sieg bejubelt werden. Ein bescheidener Anfang auf dem Weg zur (Ver-)Besserung, der schon am Sonntag beim Großen Preis der USA in Indianapolis wieder auf dem Prüfstand steht.

Pollocks ehrgeizige Vorsatz, die Geschichtsbücher der Formel 1 um weitere Erfolgsgeschichten zu ergänzen, gelang vor allem auf dem PR-Sektor. BAR stellte das erste zweigeschossige Wohnmobil ins Fahrerlager, in der ersten Saison warben die Rennwagen gleichzeitig für zwei Zigarettenmarken. Ein Heidenvergnügen, die Etablierten der Branche zu ärgern. Doch die verklausulierte Ankündigung, kraft Geld und Promotion zu gewinnen, erhielten schnell Dämpfer. Die Erkenntnis reifte, dass Image allein auf Dauer nicht zum Überleben reicht.

Die Zerreißprobe zwischen Anspruch und Wirklichkeit hat vor allem innerhalb des unorthodoxen Teams viele Opfer gefordert. Der neue Boss David Richards weiß: "In der modernen Formel 1 hängt die Leistung eines Teams vor allem von seinem Management ab." Der Fachmann aus dem Rallyegeschäft hat eine Fünf-Jahres-Vereinbarung mit BAR, sich selbst aber einen Drei-Jahres-Plan bis zum Erreichen der Erfolgsregion gesteckt.

BAR von damals, aus dem Traditionsrennstall Tyrrell hervorgegangen, hat mit BAR von heute wenig zu tun. Mister Pollock steht zwar immer noch in der Garage, aber er ist nur noch geduldet - obwohl er noch immer Mitgesellschafter ist. Der smarte Schotte mit Schweizer Wohnsitz wurde Ende vergangenen Jahres, am Vorabend der Rennwagenpräsentation für 2002, als Präsident von British American Racing geschasst. Den Mehrheitsbesitzern von BAT, die allein eine halbe Milliarde Dollar Anlaufkosten in das Projekt gesteckt hatten, fehlte nach vielen teuren Umstrukturierungen der Glaube.

Pollock ist jetzt wieder das, was er am Anfang war: Manager von Jacques Villeneuve. Im Namen des Kanadiers, der mit der schleppenden Aufbauarbeit bei BAR die eigene Karriere beschädigt hat, war Pollock erfolgreicher als in der Teamarbeit - der Weltmeister von 1997 gilt mit rund 18 Millionen Dollar Jahresgage als Nummer zwei der Geldrangliste. Sei Kontrakt ermöglicht es ihm sogar, Testfahrten zu verweigern, wenn er den Boliden für zu schlecht hält. Der Vertrag läuft noch ein weiteres Jahr, so lange geht Pollock bei BAR ungehindert ein und aus.

Was natürlich seinem Nachfolger, dem mit harter Hand regierenden David Richards, ein Dorn im Auge ist. Der Brite konsolidiert den Rennstall gerade in allen Belangen. Auch Geld spielt wieder eine Rolle, im Frühjahr mussten deshalb 15 Prozent der Belegschaft gehen. Vom Gedanken, die Formel 1 erfolgreich neu erfinden zu können, hat sich BAR freilich verabschiedet. Der von Williams gekommene Aerodynamiker Geoff Willis bittet noch ein weiteres Mal um ein wenig Geduld. So lange, bis die von anderen Rennställen abgeworbenen Fachleute zu einem echten Team zusammengewachsen sind. "Unser derzeitiges Auto ist in keiner Hinsicht gut genug", urteilt Willis.

Mit dem Talent Jenson Button (22) soll auch auf der fahrerischen Seite für die nötige Zukunftsfähigkeit gesorgt werden. Dem Vernehmen nach wird zudem der Name BAR, mit dem einst geschickt das von 2006 an drohende Tabakwerbeverbot umschifft werden sollte, schon bald durch eine griffigere Bezeichnung ersetzt werden.

Wenn schon neue Identität, dann richtig. Denn zumindest eine der sieben Thesen aus der Gründerzeit besitzt noch ihre Gültigkeit: "Nur die Verbesserung darf eine Konstante sein." Damit British American Racing mit einem blauen Auge davonkommt.

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