Der Tiefpunkt eines Krimis
SGL Carbon bietet mehr Spannung als Gewinnchancen

Am Donnerstag lief über die Nachrichtenagentur Reuters die Meldung, Analysten rechneten nicht mit einer Insolvenz bei SGL Carbon. Trotz der negativen Formulierung: Dass das Wort "Insolvenz" überhaupt fällt, stellt den vorläufigen Tiefpunkt in der Geschichte des Unternehmens dar.

Auch der Kurs hat mit weniger als sechs Euro ungeahnte Tiefen erreicht und beinhaltet im Grunde schon die Angst vor einer Pleite. Dabei wurde das Unternehmen von Hoechst, der früheren Konzernmutter, regelrecht nach den Bedürfnissen des Kapitalmarktes konzipiert. SGL Carbon hat, wie schon der Name sagt, eine eindeutige und sehr interessante Kernkompetenz, nämlich die gesamte Technik rund um den Werkstoff Graphit. Er wird in Hochleistungstechnologie verwendet, nicht zufällig arbeitet das Unternehmen mit Porsche zusammen und hat ein Bein in der amerikanischen Rüstungsindustrie. Vor einigen Jahren galt das Thema "neue Werkstoffe" - und dafür ist Graphit ein Paradebeispiel - ebenso als zukunftsträchtig wie Biotechnik oder Nanotechnologie.

Weil neue Geschäftsfelder meist auch hohe Risiken bergen, wurden sie 1995 von Hoechst zusammen mit einem traditionellen Geschäftsbereich an die Börse gegeben: den Graphitelektroden für die Stahlindustrie - ein Sektor, in dem SGL weltweit eine starke Marktstellung hat. Der Traditionsbereich sollte den Cash für die Entwicklung innovativer Produkte liefern. Deren Anteil am Umsatz und Ertrag würde im Laufe der Jahre - so die Vision - die traditionellen Bereiche überholen und SGL von einem behäbigen Industriebetrieb in ein schickes Wachstumsunternehmen verwandeln.

Verglichen mit vielen Geschäftsmodellen am Neuen Markt, wo häufig mit einer puren Vision erst einmal Geld eingesammelt wurde, ist SGL also durchaus solide und intelligent konstruiert. Zudem verfügt das Unternehmen über interessantes Know-how und über eine gute Position in Märkten, die real existieren und nicht nur reine Zukunftsgebilde sind. Trotzdem war die Blütezeit des Unternehmens nur von kurzer Dauer. Schon im Jahre 1997 erreichte die Aktie den Höhepunkt von rund 130 Euro, danach ging es steil abwärts. Anfang des Jahres 2000 schien noch eine Erholung möglich, und dann ging es ziemlich geradlinig nach unten. Und wer die letzten Quartalszahlen schaut, stellt fest: Nach wie vor steuern nur die "etablierten Bereiche" eine schwarze Zahl zum Betriebsergebnis bei, während der Wachstumssektor mit dem Namen SGL Technologies rote Zahlen schreibt. Weil das Betriebsergebnis vor hohen Aufwendungen für die Restrukturierung berechnet wird, steht unterm Strich ein dickes Minuszeichen. Die Strategie ist also, soweit dies aus den Zahlen abzulesen ist, nicht aufgegangen.

Vordergründig präsentiert sich die SGL-Story eher als Krimi. Denn der Kursniedergang, der einer kurzen Phase als Börsenstar und Analystenliebling folgte, wurde von einem Kartellverfahren in den USA und in Europa eingeleitet. Im Jahr 1999 schien die Sache durch einen Vergleich in den USA geregelt zu sein, aber beinahe nahtlos knüpfte sich ein Verfahren in Europa an. Jetzt wird wiederum eine hohe Bußgeldforderung befürchtet, die den Anstoß zum letzten Kursabsturz gab. Wie berechtigt die Vorwürfe sind, ist von außen schwer festzustellen. Aber es bleibt die Sorge, dass möglicherweise ohne Preisabsprachen auch die Margen des Unternehmens niedriger gewesen wären, also die gesamte Ertragsbasis - soweit man von Erträgen reden kann - Risse zeigt.

Der Titel hat jetzt so viel an Vertrauen verloren, dass eine rasche Erholung unwahrscheinlich ist. Dabei kann es sein, dass die eigentliche Story von SGL Carbon tatsächlich noch zum Tragen kommt - das unterscheidet das Unternehmen von vielen Gesellschaften am Neuen Markt. Denn eine gewisse Substanz - vor allem das Know-how - ist ja vorhanden. Auf eine Erholung der geprügelten Aktie zu setzen, wäre eine ausgesprochene Außenseiterwette und nur für geduldige Anleger geeignet - aber sie ist auch nicht gänzlich aussichtslos.

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