Der Tod trifft im Zweifel die anderen
Kommentar: Die Börsen gewöhnen sich an Krieg

Die Welt hat sich an den Krieg gewöhnt. Das lässt sich am besten an den Börsenkursen ablesen. Nachdem sie unmittelbar nach den Terroranschlägen im September dramatisch eingebrochen waren, haben sie sich seither wieder spektakulär erholt.

Zwar spielt die Politik immer noch eine große Rolle für das Geschehen auf dem Parkett und in den Handelsräumen. Aber mehr und mehr richtet sich das Augenmerk auch auf die Unternehmen. Dabei spielen weniger die Zahlen, die berichtet werden, eine Rolle - wichtiger ist der Ausblick auf das kommende Geschäftsjahr. In New York gelang sogar wieder ein großer Börsengang - die Lebensversicherung Principal Financial Group startete am Dienstag erfolgreich. Die Börse findet allmählich wieder zu ihrer gewohnten Verfassung zurück: Sie lebt von der Hoffnung, vom Optimismus.

Das ist die gute Botschaft für Anleger: Man kann eben doch noch Geld verdienen mit Aktien, mit Glück sogar sehr viel in kurzer Zeit. Langfristig orientierte Investoren dürfen sich bestärkt fühlen in der Erkenntnis, dass die Aktie als wesentlicher - niemals als einziger - Baustein des Depots nicht zu ersetzen ist.

Auf kürzere Sicht überwiegen freilich die Gefahren. Schon vor dem jüngsten Aufschwung haben manche Experten eine Belebung, die aber nicht von Dauer sein werde, vorausgesagt. Jetzt zeigt sich, dass die Analysten bei vielen Aktien, die sich erfreulich entwickelt haben, schon Kursziele erreicht sehen - Gewinnmitnahmen sind das Thema der Stunde. Man sollte nicht vergessen, dass wir im Frühjahr schon einen Zwischenspurt hatten, der nicht weit geführt hat.

Politische Lage gibt keine Entwarnung

Schaut man auf die politische Lage, so ist von daher kein Zeichen der Entwarnung zu erkennen. Bisher ist nicht absehbar, ob die Amerikaner mit ihrem Krieg in Afghanistan Erfolg haben - gemessen an dem Ziel, Terroristen oder ihre Helfer auszuschalten. Sollte sich dieser Erfolg nicht einstellen, dann hätte der Krieg aber mehr Schaden als Nutzen angerichtet, denn er bedroht die Stabilität der Region und verbreitert damit möglicherweise die Basis für den Terrorismus. Auch die Hoffnung, dass sich in Palästina unter dem Eindruck der Ereignisse etwas in die richtige Richtung bewegt, hat sich vorerst zerschlagen. Dazu kommen die gespenstischen Angriffe mit tödlichen Bakterien, die zwar weniger Opfer fordern als die Flugzeugattacken, dafür aber offenbar umso schwerer aufzuklären sind.

Wenn sich die Welt an den Krieg gewöhnt, liegt dem also eher ein psychologischer Effekt zugrunde: Nachdem die Terroranschläge uns vor Augen geführt haben, dass das menschliche Leben jederzeit bedroht ist, gehen wir jetzt wieder davon aus, dass der Tod im Zweifel die anderen trifft.

Seitwärtstendenz an den Märkten

Die wirtschaftlichen Probleme, die es auch schon vor den Anschlägen gab, sind mit diesem Reflex der Verdrängung aber nicht aus der Welt geschafft. Es mag sein, dass zurzeit manche Ökonomen das wirtschaftliche Wachstum des kommenden Jahres sogar zu niedrig einschätzen - Käufe oder Reisen, die jetzt ausfallen, werden dann möglicherweise nachgeholt. Die Erfahrung lehrt auch, dass die Börse eine wirtschaftliche Erholung in der Regel schon vorweg nimmt.

Richtig ist zudem, dass bei einem starken Einbruch der Unternehmensgewinne die Kurse nicht gleichermaßen nach unten korrigiert werden müssen, wenn bald wieder ein Aufschwung zu erwarten ist - hohe Kurs-Gewinn-Verhältnisse dürfen in solchen Situationen daher nicht überbewertet werden. Aber die gesamte Börsentendenz dürfte eine Weile doch eher noch seitwärts - mit Rückschlägen vom derzeitigen Niveau - als nach oben gerichtet sein.

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