Der Unternehmer kann sich der Verantwortung nicht entziehen
Wer erbt die Firma? - Die Qual der Wahl

Der Inhaber eines mittelständischen Unternehmens hat vier Kinder, alle gleich tüchtig für die Unternehmensnachfolge; manchmal glaubt der Vater allerdings, auch gleich untüchtig für dieselbe Aufgabe. Ein Sohn oder eine Tochter kann aber nur Nachfolger werden. Das Unternehmen kann nicht von vier Chefs geleitet werden. Wer soll in das Unternehmen nachfolgen?

HB KÖLN. Der Vater quält sich, kann oder will die Entscheidung nicht treffen, gleichwohl muss Vorsorge getroffen werden: Der Tod kann den Unternehmer jederzeit treffen. Also folgt der Vater schließlich dem Rat, diese Entscheidung Dritten zu überlassen.

Zuhilfenahme eines Beirates

Rechtlich ist die Gestaltung möglich. Zwar kann man einem Dritten grundsätzlich nicht die Entscheidung überlassen, wer Erbe wird und was er erhält. So will es Paragraf 2065 des Bürgerlichen Gesetzbuchs (BGB). Jedoch lässt es das Gesetz zu, dass ein Dritter entscheiden kann, wer einen konkreten Gegenstand (Unternehmen, Gesellschaftsanteil) erhält, wenn der Kreis der möglichen Empfänger bestimmt ist (Paragraf 2151 BGB).

Dies können zum Beispiel die Söhne und Töchter sein. Also kann etwa ein installierter Beirat des Unternehmens entscheiden, wer der vier Kinder das Unternehmen insgesamt oder die Unternehmensmehrheit erhält. Geregelt werden kann auch, dass bestimmte Kinder, die der Beirat auswählt, das Unternehmen in Gemeinschaft fortführen und dass einem Sohn oder einer Tochter soviel Stimmen gewährt werden, dass er oder sie das Unternehmen leiten kann.

Die Stimmen müssen nicht unbedingt den Kapitalanteilen entsprechen. Dem Nachfolger kann eine "goldene Stimme" reserviert werden, die ihm auf jeden Fall garantiert, über 51 Prozent der Stimmen zu verfügen. Kaum will der Unternehmer auf Grund wohlgemeintem Rats von dieser Möglichkeit in einer letztwilligen Verfügung Gebrauch machen, merkt er, dass er die eine Schwierigkeit durch die andere ersetzt hat: Wer nämlich soll in den Beirat berufen werden, wer soll über den Unternehmensnachfolger entscheiden?

Phantasielose Unternehmer

Die anwaltliche Erfahrung lehrt, dass die Phantasie der unsicheren Unternehmer nicht sehr groß ist. Dem Vater fallen in der Regel sein Bruder, der Steuerberater, der Bankvorstand, ein unternehmerisch denkender Freund aus dem Golfverein ein, alles Personen, die er sehr schätzt, weil sie ihm sympathisch sind oder einmal geholfen haben. Die Personen sind auch etwa in der Regel gleich alt wie der testierende Unternehmer, oft auch älter. Ein Außenstehender wird allerdings fragen, eignen sich diese Personen, einen Unternehmensnachfolger der jungen Generation auszusuchen?

Wenn der Vater nicht entscheiden kann, welches Kind Unternehmer werden soll, können es dann Personen, die Distanz zu den Kindern haben, sie nicht eigentlich kennen und auch von Besonderheiten des Unternehmens oft nichts wissen? Schlägt man in einem solchen Fall professionell arbeitende Personalberater vor, so schreckt der Unternehmer zurück. Denn natürlich will er auch nicht die Auswahl unter den Kindern Menschen anvertrauen, die er überhaupt nicht kennt.

Flucht aus der Verantwortung

Die Auswahl des Unternehmensnachfolgers durch Dritte ist nur sehr selten ein richtiges Instrument. Man mag sie wählen, wenn die nachfolgenden Kinder noch sehr jung sind und der Unternehmer in jedem Fall wünscht, dass eines der Kinder die Möglichkeit erhält, in das Unternehmen nachzufolgen. Im Übrigen muss die Beratung klar machen, dass die Delegation auf Dritte für den Unternehmer eine Flucht aus der Verantwortung ist, ohne dass sie ihm eigentlich die Verantwortung nimmt. Er muss entscheiden, und wenn er dies nicht kann, so muss ihm klar gemacht werden, dass es Dritte noch weniger können.

Hinzu kommt: Sind die Dritten verantwortungsbewusst, so ist es auch durchaus denkbar, dass sie sich im Ernstfall weigern, die Entscheidung zu treffen, weil sie die Verantwortung nicht tragen können oder wollen. Sie können denken: Soll mit meiner Entscheidung tatsächlich später ein Scheitern des Unternehmens verbunden sein?

Und was ist, wenn der Vater keine Entscheidung trifft und die nachfolgenden Kinder gleichberechtigt das Unternehmen erben? Auch diese Lösung kann besser sein, als die Entscheidung aus dritter Hand. Denn in einem solchen Fall erprobt sich in der Auseinandersetzung der Kinder, wer tatsächlich der Stärkste und unternehmerisch Denkendste ist. Und die Geschwister sind nicht selten klug genug, diesem Einen die Führung zu überlassen. Die Erfahrung zeigt, dass die Auseinandersetzung unter Gesellschaftern nicht immer das Unternehmen schädigt, sondern auch Leistung und Energie freimachen kann.

Der Autor ist Partner der Sozietät Streck Mack Schwedhelm in Köln und war Präsident des Deutschen Anwaltvereins.

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