Der unterschätzte, stille Stratege
TUI-Chef Ralf Corsten hat sich durchgesetzt

Erst bei TUI, jetzt bei Preussag. Einen Konzernjob haben ihm viele nicht zugetraut, doch er ist der Sieger in einem harten Kampf hinter den Kulissen.

"Im entscheidenden Moment", sagt einer, der Ralf Corsten lange kennt, "ist er auf der Bühne." Das mag erklären, warum ein Manager, der Ruhe und Beherrschtheit bis zum Phlegma ausstrahlt, einen der größeren Kulissenkriege in deutschen Unternehmen gewonnen hat: Am 5.10.2000 soll Ralf Corsten, Vorstandsvorsitzender der TUI Group , in den Zentralvorstand der Konzernmutter Preussag berufen werden.

Es bleiben zurück: die beiden Hapag-Lloyd-Manager Bernd Wrede und Claus Wülfers, die zumindest auf dem Papier für ein paar Monate Corstens Chefs waren, sowie die Kollegen aus dem TUI-Vorstand, die ihre Zukunft vermutlich selbst noch nicht kennen.



"Kriegszustand"

Insider sprachen von "Kriegszustand", nachdem Preussag-Chef Michael Frenzel den Hapag-Lloyd-Chef Wrede, dessen Airline-Fachmann Wülfers und Corsten in einer Konstruktion namens "Hapag Touristik Union" (HTU) zusammengezwungen hatte. Wer dort wem was zu sagen hatte, war nicht einmal aus den Organigrammen ersichtlich - von der Realität ganz zu schweigen. Wer Corsten zu jener Zeit als Verlierer sah, wurde indes aus dessen Umgebung belehrt: Man möge abwarten.

In der Tat: Frenzels Konstruktion hielt nicht lange. Wülfers wurde verabschiedet. Wrede führt Hapag-Lloyd nunmehr als reinen Logistikkonzern. Und aus HTU wurde die TUI Group. Als künftiger Konzernverantwortlicher für das deutsche Reisegeschäft ist Corsten die Schlüsselfigur im Kerngeschäft der "neuen" Preussag. Diese Rolle wird selbst Charles Gurassa nicht gefährden, der als Chef der gerade gekauften Thomson Travel Group auch in den Holding-Vorstand aufrücken soll.

Es muss viele entscheidende Momente in den vergangenen Monaten gegeben haben. Corsten war stets auf der Bühne, aber er ließ den Vorhang unten. Die Verhältnisse wurden im Stillen geklärt. Kaum jemand hat dem 58-Jährigen zugetraut, derart erfolgreich den Fallgruben eines Konzerns auszuweichen. Vor zehn Jahren übernahm er erstmals Amt und Würden in einem Großunternehmen, als er für die Treuhandanstalt die Interhotel-Kette der DDR privatisierte. Schon damals soll es Zweifler gegeben haben, die ihm den Job nicht zutrauten.

Die 22 Jahre davor hatte Corsten als Berater verbracht. In Berlin geboren, studierte er in Traunstein, Kiel und München Jura und Betriebswirtschaft, machte seinen Doktor in Rechtswissenschaften und ging 1968 zur Kempinski International Hotel Consulting. Vier Jahre später wechselte er als Geschäftsführender Gesellschafter zu Continental Hotel Consultants. Die Vorliebe für das Hotelgeschäft schlägt sich bis heute in seiner Strategie nieder.

Corsten lernte alle und jeden in der Branche kennen, befasste sich mit strategischen Fragen, kam herum. Nur die Konzernpolitik, die Frage, wem man im Haus gerade die Tür aufhält und wem nicht - sie blieb ihm erspart. So gab es neue Zweifler, als er 1992 an die TUI-Spitze berufen werden sollte. Dort befassten sich die Gesellschafter bevorzugt mit Konzernpolitik, genauer: mit Kulissenkämpfen. Sie waren sich nicht einig, wie der aus Mittelständlern zusammengewürfelte Reisekonzern in die Zukunft zu führen sei.

Er habe sich "ziemlich gut durchlaviert", sagt ein Beteiligter. Aber es muss ein bisschen mehr als "lavieren" gewesen sein. Schnelle Personalentscheidungen trugen Corsten vorübergehend Beinamen wie "der stille Killer" ein, der ihn sehr getroffen haben soll. Seither achte er bei seinen Entscheidungen darauf, dass niemand ins Leere fällt.

Solche Entschlossenheit, gepaart mit Zurückhaltung, bringt nicht unbedingt berufliche Freunde. Die Wochenenden verbringt der Familienvater daheim in Starnberg. In der hannoverschen TUI-Zentrale achtet er auf Distanz, zumal Frenzel einige seiner Gesandten um ihn herum platziert hat. Das Verhältnis zum Preussag-Chef soll dennoch gut sein.

Das muss es auch, denn die neue Konstellation ist nicht ohne Tücken. Bisher sprach man von Mutterkonzern zu Tochtergesellschaft miteinander. Das klärte die Fronten. Jetzt sitzt Corsten mit Frenzel fast auf einer Ebene. Doch: Beide sind ruhige Strategen, die wissen, dass sie einander brauchen. Wenn Frenzel jetzt als Architekt des Erfolgs gefeiert wird, dürfte Corsten das nicht weiter quälen. Fünf Jahre Altersvorsprung begrenzen seine Ambitionen. Und schließlich war er es, der den Ex-Bankmanager Frenzel in die Reiseszene eingeführt hat. Er soll es sehr genossen haben - im Stillen, natürlich.

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