Der US-Außenminister will seine Anklagerede gegen Saddam „direkt, nüchtern und zwingend“ untermauern: Wo sind die rauchenden Colts?

Der US-Außenminister will seine Anklagerede gegen Saddam „direkt, nüchtern und zwingend“ untermauern
Wo sind die rauchenden Colts?

Die Welt schaut am Mittwoch gebannt nach New York, wo Colin Powell der Uno Beweise für Massenvernichtungswaffen im Irak vorlegen will. Doch mehr als Indizien wird der Außenminister nicht liefern können.

WASHINGTON. In der US-Hauptstadt macht dieser Tage ein Wort die Runde, das aus dem Wilden Westen stammt - die "rauchenden Colts". Im Streit darüber, ob der Irak tatsächlich über verbotene Massenvernichtungswaffen verfügt, ist es zum Synonym für den unumstößlichen Beweis geworden. Als historische Vorlage gilt der Auftritt des ehemaligen amerikanischen Uno-Botschafters Adlai Stevenson während der Kubakrise: Dieser knallte am 25. Oktober 1962 einem elektrisierten Sicherheitsrat 26 Fotos von sowjetischen Raketen auf den Tisch: ein unanfechtbares Dokument dafür, dass die kommunistische Weltmacht auf der Zuckerinsel militärisch präsent war.

Wenn US-Außenminister Colin Powell am Mittwoch vor dem Uno-Sicherheitsrat sein Plädoyer gegen den irakischen Staatschef Saddam Hussein hält, wird er kein "rauchendes Gewehr" mitbringen. Aber der amerikanische Chef-Diplomat will seine Vorwürfe nach eigenen Angaben "direkt, nüchtern und zwingend" untermauern. Wie aus dem Außenministerium bereits durchsickerte, stützt sich Powells Beweisführung auf eine Kette aus Indizien.

Als wichtige Belege gelten die Abschriften von abgehörten Telefongesprächen zwischen irakischen Regierungsbeamten. "Daraus wird klar hervorgehen, dass die Iraker Massenvernichtungswaffen vor der Ankunft der Uno-Inspektoren weggeschafft haben", sagt ein hochrangiger Mitarbeiter im Pentagon. Stellenweise hätten die Iraker sogar damit geprahlt, wie sie die Vereinten Nationen "wieder einmal ins Leere laufen ließen". Offen ist, ob die Amerikaner die abgehörten Original-Mitschnitte freigeben.

Darüber hinaus will Powell Fotos von mobilen Labors zur Produktion von chemischen und biologischen Waffen präsentieren. "Das Problem besteht darin, dass eine Aufnahme mit Lastwagen per se noch nicht schlüssig ist", betont der Pentagon-Beamte. Im US-Verteidigungsministerium wird darauf verwiesen, dass die amerikanische Regierung Unterlagen über biologische und chemische Waffen des Iraks habe. Die Uno-Inspektoren würden wahrscheinlich in den nächsten Wochen gezielte Informationen bekommen, um wenigstens ein einziges schlagendes Beispiel zu liefern. Den größten Teil ihrer Daten werde die US-Administration allerdings geheim halten, um Saddam Hussein nicht zu erneuten Versteck-Aktionen zu ermuntern, hieß es im Pentagon. Man wolle sicherstellen, dass das Arsenal im Falle eines Krieges völlig vernichtet werde.

Wesentlich schwerer dürfte es Powell fallen, Beweise für die Verbindung des irakischen Regimes zum Terror-Netzwerk El Kaida auf den Tisch zu legen. Das Weiße Haus und das Pentagon sind von einer Verquickung überzeugt und versuchen den Außenminister zu puschen. Die Geheimdienste CIA und FBI bremsen jedoch. "Es gibt keine Hinweise auf eine institutionelle Schnittstelle zwischen Bagdad und El Kaida", unterstreicht ein hochrangiger CIA-Mitarbeiter. "Allerdings haben wir Informationen über individuelle Kontakte."

In zwei Punkten wird Powell am Mittwoch vor dem Sicherheitsrat mit Herleitungen operieren. Das betrifft zum einen den Vorwurf an Saddam, keine Nachweise über die von der Uno angemahnte Vernichtung seiner Bestände an Senfgas, VX oder Sarin erbracht zu haben. Zum andern wird Powell geopolitisch argumentieren und den Irak als Gefahr für die Region brandmarken.

Als erster Adressat für die Rede des US-Außenministers gilt Frankreich, das bislang auf mehr Zeit für die Waffeninspektoren gedrängt hat. Sollte die Pariser Regierung letztlich auf die Linie der Amerikaner einschwenken, erhofft sich die US-Administration eine Signalwirkung auf die Vetomächte Russland und China. Pakistan sowie drei afrikanische und zwei lateinamerikanische Länder sind bis dato unentschieden. Für eine Uno-Resolution bräuchten die Amerikaner neun Stimmen der insgesamt 15 Sicherheitsrats-Mitglieder - ein einziges Veto aus dem Kreis der "großen Fünf" würde zur Blockade reichen. Doch Powell hat bereits deutlich gemacht, dass die US-Regierung auf eine zweite Uno-Resolution nicht unbedingt Wert legt: "Wir schrecken vor dem Krieg nicht zurück."

Quelle: Handelsblatt

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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