Der US-Investor geht keinem Streit aus dem Wege: Guy Wyser-Pratte: Der Rambo der Kapitalmärkte

Der US-Investor geht keinem Streit aus dem Wege
Guy Wyser-Pratte: Der Rambo der Kapitalmärkte

Er ist der Freund der Kleinaktionäre und der Schrecken der Topmanager. Guy Wyser-Pratte kämpft dafür, die Aktienkurse von schlecht geführten Firmen wieder nach oben zu drücken.

PARIS. Auf Etikette legt er keinen besonderen Wert. Im Gegenteil. Als er von einem Geschäftstermin zum Interview in ein Pariser Nobelhotel kommt, zieht er erst einmal sein Jackett aus. Dann legt er seine Krawatte ab und krempelt sich die Hemdsärmel hoch. "So, jetzt können wir loslegen", sagt Guy Wyser - grinst freundlich und macht es sich auf seinem Stuhl bequem.

So sieht er also aus, der Schrecken vieler Unternehmensvorstände: eine Mischung aus John Wayne und Frank Sinatra, fast zwei Meter groß und trotz seiner 60 Jahre immer noch sportlich schlank. Er bezeichnet sich selbst als "aktiven Investor", als "Katalysator" oder als "Mann, der mit dem Topmanagement von Konzernen Klartext redet". Regelrecht begeistert ist er von Artikeln über ihn, die überschrieben sind mit: "Der ehemalige Marine-Offizier terrorisiert unsere Firmenchefs" und "Wacht auf und riecht das Napalm".

Solche Schlagzeilen sind ganz nach dem Geschmack des Amerikaners, der jetzt überraschend beim Düsseldorfer Rheinmetall-Konzern mit rund fünf Prozent eingestiegen ist. Wyser-Pratte fahndet weltweit nach Firmen, die folgende Kriterien erfüllen: Sie sind an der Börse unterbewertet, sie haben ein schlechtes Management, und sie haben in ihrer Bilanz "viele Schätze" verborgen. Sein Credo lautet: "Ich versuche, diese Schätze mit anderen Aktionären und mit dem Management zu heben und den Börsenkurs wieder nach oben zu bringen" - und dabei gutes Geld zu verdienen.

Das ist eine einfache, klare Botschaft, die aber in der Praxis für viel Wirbel sorgt. Wenn Wyser-Pratte eine Firma ins Visier genommen hat, kauft er sich erst still und heimlich über die Börse in das Unternehmen ein. Erst wenn er die meldepflichtige Grenze erreicht hat, zeigt er dem Management seinen Aktienbesitz an.

Dann geht es Schlag auf Schlag. Während die Mehrheitskaktionäre aufschrecken, steigert er kontinuierlich seinen Anteil und erhöht so den Druck auf das Unternehmen. Bei der französischen André-Gruppe erkämpfte er sich sogar einen Sitz im Aufsichtsrat. "Zum ersten Mal wurde in Frankreich ein Aufsichtsrat auf Druck von Aktionären hinausgeworfen", erzählt der Unruhestifter stolz und zieht genüsslich an seiner Zigarre.

Wyser-Pratte ist ein alter Hase im Finanzgeschäft. Erste Erfahrungen sammelt er in der Firma seines Vaters, der zuerst in Paris und nach dem Zweiten Weltkrieg in New York ein Arbitrage-Geschäft betreibt. Sein Wirtschaftsstudium muss er an einer Abendakademie absolvieren, weil der strenge Papa ihn tagsüber in seiner Firma braucht. Er beendet sein Studium mit einer Arbeit über "Risiko-Arbitrage", die später zum Standardlehrbuch für Kapitalmarktseminare an US-Unis avanciert. In den achtziger Jahren arbeitet er bei Prudential Bache. Er entdeckt viele Spielarten, wie er bei den zahlreichen Fusionen und Übernahmen in den USA durch frühzeitigen Aktienkauf gutes Geld verdienen kann. Schließlich macht er sich 1992 mit der ehemaligen Firma seines Vaters an der Wall Street selbstständig.

Er erwirbt sich den Ruf eines Mannes mit unbändigem Kampfeswillen und großer Hartnäckigkeit gegenüber Unternehmensvorständen. Vor allem seine Zeit bei der US-Marine, wo er nach der Highschool vier Jahre lang ausgebildet wurde, hat ihn stark geprägt. "Das gibt Dir eine Menge Vertrauen und die Gewissheit, dass Du jedes Ziel erreichen kannst, egal wie viel Widerstände es gibt", blickt der Vater dreier Kinder und Großvater zurück.

Noch heute sitzt er in einem Komittee, um die Ausbildung der Marine-Offiziere zu verbessern. Gleichzeitig engagiert er sich für Flüchtlingsorganisationen. Das ist für ihn kein Gegensatz. "Beide müssen lernen, in Krisengebieten zusammenzuarbeiten", lautet seine überraschende Begründung. Ebenso hat er bei seinem Wirken eine moralische Dimension entdeckt. "Ich habe ein gutes Gefühl, wenn ich durch meine Aktionen allen Aktionären helfe."

Den größten Teil der Arbeitszeit verbringt er im Büro seiner New Yorker Firma. Dort hat er ein Team von zwölf Beratern um sich geschart, die seine weltweiten Investments betreuen. Seine Mittagspausen bleiben aber für Tennis reserviert. "Wenn ich den Ball schlage, stelle ich mir vor, es ist einer meiner Gegner", sagt Wyser-Pratte und kann sich ein lautes Lachen nicht verkneifen.

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