Der US-Versicherungsriese versucht die Anleger mit mehr Transparenz zu beruhigen
Investoren sehen AIG kritisch

Die Aktien des Versicherers liefen in der letzten Zeit nicht besonders gut, trotz guter Geschäftszahlen. Investoren kritisieren die Bilanzpraxis des Konzerns und den Führungsstil von AIG-Chef Greenberg.

dek CHICAGO. Die Aktien des weltgrößten Versicherungskonzerns AIG haben im ersten Quartal einiges an Boden verloren. Und dies, obwohl der amerikanische Konzern seinen Nettogewinn um 7 % auf 1,98 Mrd. $ gesteigert hat und die Prämieneinnahmen um 30 % auf 6,33 Mrd. $ angestiegen sind.

Der wesentliche Grund ist dafür laut Analysten die undurchsichtige Bilanz des Konzerns. Seit dem Debakel um Enron sehen Investoren so etwas gar nicht gern. Zudem ist AIG-Chef Maurice (Hank) Greenberg, seit 35 Jahren die dominante Figur des im unteren Teil Manhattans ansässigen Versicherungsriesen, mittlerweile zu einer Bürde geworden. Längst ist sein Gesundheitszustand Thema an der Wall Street. Als der Exzentriker kürzlich an einer Erkältung erkrankte, kam gleich Requiem-Stimmung auf.

Greenberg brachte daraufhin längst fällige Neuerungen ins Gespräch. Einerseits will er Analysten künftig regelmäßig zu Telefonkonferenzen einladen, um die Aktionäre besser zu informieren. Bisher hielt der AIG-Boss das für überflüssig. Anderseits wird ein so genanntes "Office of the Chairman" eingeführt, das die tägliche Führungsarbeit überschauen soll. Zwei neue Operationschefs wurden ebenfalls ernannt. Beobachter sehen in Martin Sullivan und Edmund Tse, beides langjährige AIG-Veteranen, ganz klar mögliche Nachfolger von Greenberg. "Die Bildung des Office of the Chairman signalisiert, dass AIG in Zukunft weit teamorientierter geführt wird", sagt Jay Cohen, Analyst bei der Investmentbank Merrill Lynch.

Was die eigentliche Geschäftstätigkeit betrifft, so steht AIG wie ein Felsen in der Brandung. Der starke Markenname und die Dominanz im kommerziellen Sachversicherungsgeschäft verhalfen dem Versicherer zu einer eindrucksvollen Gewinnsteigerung. Nach den Verlusten im Schatten des 11. September, als sämtliche großen Sachversicherer bluten mußten, trugen höhere Sachversicherungsprämien zu einer unerwartet starken Prämiensteigerung bei. Für manche Analysten stellt daher der gegenwärtig tiefe Aktienkurs eine gute Einstiegsmöglichkeit dar. Ronald Frank, Analyst bei der Investmentbank Salomon Smith Barney: "Unter dem legendären Greenberg hat AIG ein kontinuierlich zweistelliges Gewinnwachstum erwirtschaftet. Wir glauben, dass AIG eine starke relative Bewertung zu ähnlichen Unternehmen erhalten sollte".

Neben dem Greenberg-Syndrom fürchten Anleger die eher komplexen Buchführungspraktiken von AIG. "Es besteht ein Unterschied zwischen komplexer und unehrlicher Buchführung", verteidigt sich Greenberg. Trotzdem: Alles was groß und undurchsichtig ist, wird an der Wall Street derzeit erst mal verkauft - nachdenken folgt später. Solche Dämpfer sehen Analysten jedoch mehrheitlich als Kaufgelegenheit: "Wir sind davon überzeugt, dass die Geschäftsleitung alles in ihrer Macht stehende tun wird, um den Informationsbedürfnissen der Investoren gerecht zu werden", sagt Alice Schroeder, Analystin bei der Investmentbank Morgan Stanley. Ob es Greenberg gelingt, seinen Aktienkurs wieder ins Lot zu bringen, hängt wohl vor allem von der Erholung der US-Wirtschaft ab.

Quelle: Handelsblatt

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