Der Vorstandsvorsitzende von Thyssen-Krupp wechselt als Vorsitzender in den Aufsichtsrat
Gerhard Cromme: Ein Manager härter als Krupp-Stahl

Gerhard Cromme hat Wirtschaftsgeschichte geschrieben. Wie kein anderer Manager versuchte der 58-jährige ThyssenKrupp-Chef durch feindliche Übernahmen verkrustete Strukturen in der Stahlindustrie aufzubrechen, schockierte dabei Arbeitnehmer und begeisterte Analysten. Doch wenn sich der Manager am Montag nach mehr als einem Vierteljahrhundert aus dem operativen Geschäft verabschiedet und auf den Posten des Thyssen-Krupp-Aufsichtsratschefs wechselt, geschieht dies geradezu auffällig leise. Es gibt keine Feiern und keine Reden beim Stahlriesen in Essen.

ap DÜSSELDORF. Tatsächlich gibt es für Feiern auch wenig Grund, die vergangenen zweieinhalb Jahren unter der Führung der Doppelspitze aus Cromme und dem gleichberechtigten Co-Chef Ekkehard Schulz werden wohl als verlorene Jahre in die Geschichte des Konzerns eingehen. Zwar startete der aus der Fusion von Thyssen und Krupp entstandene Konzern 1999 mit großen Hoffnungen. Doch dann folgte Desaster auf Desaster.

Schon im ersten Geschäftsjahr ließ die schwache Stahlkonjunktur den Gewinn einbrechen. Später scheiterte der Versuch, die Mannesmann-Technologiesparte Atecs zu kaufen ebenso wie der Börsengang der Stahltochter. Inzwischen drückt den Konzern eine Schuldenlast von mehr als 8 Mrd. Euro, die nun der künftig allein verantwortliche Vorstandschef Schulz abbauen muss.

Für Cromme der von der Berliner "taz" einmal als "Wirtschaftswunder auf zwei Beinen" und "härter als Krupp-Stahl" beschrieben wurde, dürfte es schwer sein, gerade jetzt in die zweite Reihe zu treten. Denn der Sohn eines Lateinlehrers hat sich immer als Beweger verstanden. Erste Sporen verdiente sich der promovierte Jurist beim französischen Konzern Saint-Gobain. Doch bundesweit bekannt wurde er erst, als er 1986 mitten in der sich zuspitzenden Stahlkrise den Vorstandsvorsitz der Krupp Stahl AG übernahm.

Bewährungsprobe in Rheinhausen

Cromme beschloss das tiefrote Zahlen schreibende Hüttenwerk Rheinhausen mit seinen 5300 Arbeitsplätzen stillzulegen und löste damit den härtesten Arbeitskampf seit Jahrzehnten aus. Stahlarbeiter besetzten das Hüttenwerk und stürmten den Krupp-Stammsitz Villa Hügel. Cromme selbst wurde mit Eiern beworfen. Eine Mahnwache zog vor seinem Wohnhaus in Essen auf. Doch in den Turbulenzen bewies er Durchhaltevermögen. Und der zuletzt vom damaligen nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Johannes Rau vermittelte "Rheinhausen-Pakt" konnte die Schließung zwar verzögern, aber nicht verhindern.

Bei seinem nächsten Coup 1991 war Cromme dann schon Vorstandschef der angeschlagenen Konzernmuttergesellschaft Fried. Krupp GmbH. Und wieder setzte Cromme auf Härte: In der ersten feindlichen Übernahme an der Ruhr sicherte sich Cromme die Mehrheit am Dortmunder Konkurrenten Hoesch. Der Coup brachte ihm den Titel "Manager des Jahres", Krupp aber noch immer nicht die erhoffte nachhaltige Gesundung.

So holte Cromme 1997 zum dritten Schlag aus. Abgesichert durch einen von einem internationalen Bankenkonsortium zur Verfügung gestellten Kreditrahmen von 15 Mrd. DM setzte Cromme zur feindlichen Übernahme des deutlich größeren und finanziell gesünderen Konkurrenten Thyssen an. Doch der vorzeitig bekannt gewordene Coup stieß auf massiven Widerstand bei der Belegschaft beider Konzern und auch die Landesregierung schaltete sich ein.

Ein Stratege mit Perspektiven

Cromme ließ sich bremsen, gab sich zunächst mit einer Teilfusion der Stahltöchter zufrieden. Ein Jahr später war er dennoch am Ziel. Die Konkurrenten fusionierten zur Thyssen-Krupp AG, einem Riesenkonzern mit 173 000 Mitarbeitern und 73 Mrd. DM Umsatz. Doch gab es aus Crommes Sicht einen Wermutstropfen: Der Krupp-Chef musste sich die Führung mit Thyssen-Stahl-Chef Schulz teilen. Und im Aufsichtsrat hatte Thyssens Ex-Vorstandschef Heinz Kriwet das Sagen.

Dass Cromme jetzt Kriwet als Aufsichtsratschef ablöst, dürfte allerdings kaum als Rückzug aufs Altenteil zu verstehen sein. Schließlich ist Cromme mit 58 Jahren noch jung für den Posten. Als Chefkontrolleur hat der Stratege bei ThyssenKrupp traditionell eine starke Position. Sie könnte noch stärker werden, wenn Cromme eines Tages tatsächlich den 88-jährigen Krupp-Patriarchen Berthold Beitz als Chef der Krupp-Stiftung nachfolgen sollte, wie viele vermuten. Dann wäre er nicht nur der oberste Aufseher des Konzerns, sondern gleichzeitig der Repräsentant des größten Anteilseigners. Eine Machtfülle, die es in sich hat.

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