Der Weg der Traditionsfirma
Das große Flimmern bei Grundig

Bunte Streifen, eingeschlossen von einem dünnen, schwarzen Kreis. Für den normalen Betrachter sind das einfach Testbilder. Für Konrad Maul aber markieren die Muster auf den beiden Grundig-Fernsehern eine technische Revolution: "Hier, sehen Sie das flackernde Flimmern auf der weißen Fläche und den schwachen, unscharfen Übergang zu den Farben?" fragt er und tippt mit dem Finger auf den Bildschirm. Rechts dagegen, Maul zeigt es, "steht das Bild völlig ruhig. Da gibt es kein Flimmern mehr."

Maul, 55, der Vollbart und Brille zum karierten Jackett trägt, ist Chefentwickler Fernsehen des Nürnberger Elektronikkonzerns Grundig , und der deutliche Unterschied zwischen dem linken und dem rechten Testbild ist sein vielleicht größter Erfolg. Er war maßgeblich daran beteiligt, dass Grundig 1987 als weltweit erster Hersteller einen Fernseher mit 100-Hertz-Technologie auf den Markt brachte. Die Auflösung der Bilder verbesserte sich dadurch erheblich. Der neue "Monolith" kostete anfangs 3 700 Mark - eine erste limitierte Auflage war gleichwohl rasch ausverkauft. Grundigs letzte Boomphase begann.

Die ist längst beendet. Nach Jahren des Niedergangs beantragte der neu ernannte Konzernchef Eberhard Braun vor zwei Wochen Insolvenz in Eigenverwaltung. Jetzt droht eine Zerschlagung des Unternehmens, einzelne Teile werden wohl an ausländische Investoren verkauft, andere ganz geschlossen.

In den 70er-Jahren hatte der Konzern fast 40 000 Mitarbeiter. Nun sind es nicht einmal mehr 4 000. Eine Traditionsfirma ist zum Mittelständler geschrumpft - und ist noch immer zu groß für die Nische, aber zu klein für den Massenmarkt.

Testsiege in Fachzeitschriften reichten nicht aus

Maul und seine Kollegen brachten zwar immer wieder viel versprechende Neuheiten auf den Markt, aber all die Testsiege in Fachzeitschriften, die der Chefentwickler Besuchern präsentiert, reichten nicht aus. Die Preise für Unterhaltungselektronik sanken, die Rivalen wie Sony und die großen Koreaner produzierten in Fernost billiger als Grundig in Wien und bis 2001 auch in Nürnberg. "Wenn Sie gegen jemanden antreten, der weltweit zwölf Millionen Geräte baut, dann haben Sie ein Problem", sagt Maul.

Die Entwickler hätten den Nachteil der höheren Kosten durch immer bessere und dadurch immer teurere Produkte ausgleichen sollen; nicht nur die Fernsehentwickler, aber sie hatten die größte Bedeutung für das Unternehmen. Das Fernsehergeschäft steuert inzwischen etwa zwei Drittel zum Konzernumsatz von rund 1,2 Milliarden Euro bei. Aber der Kostennachteil war zu groß. Maul und seine Vorgänger konnten den Wettlauf nicht gewinnen - obwohl ihnen selbst die Konkurrenz gute Produkte bescheinigt. "Doch die Positionierung der Marke ließ die nötige Bruttodeckung nicht zu", formuliert ein Branchenkenner das Problem.

Der bayerische Konkurrent Loewe ging einen anderen Weg, konzentrierte sich bereits Mitte der 80er-Jahre auf das Premiumsegment und hatte Erfolg. Grundig blieb dagegen dem Massengeschäft treu - und wurde zu einem Verlierer der Globalisierung. Allein für 2002 erwarten die Franken einen Verlust von 75 Millionen Euro.

Maul hat den Niedergang miterlebt. Er begann 1962 eine Lehre als Radio- und Fernsehtechniker bei Grundig, studierte danach und kam 1971 als Ingenieur zurück. Das Unternehmen galt damals als Musterbeispiel für das Wirtschaftswunder. "Da hinten der Parkplatz", erzählt Maul und zeigt aus dem Fenster der Kantine, "der stand jeden Tag voll mit Werksbussen. Die holten die Arbeiter ab, brachten sie zur Schicht und abends wieder nach Hause."

Direkt neben dem Firmengelände ließ Firmenchef Max Grundig zwei 16 Stockwerke hohe Plattenbauten hochziehen - Unterkünfte für Gastarbeiter. Die Wohnquader sind längst verkauft. Heute sehen hier Spätaussiedler und Asylbewerber auf das angrenzende Reichsparteitagsgelände herab.

1971 war ein Grundig-Fernseher noch fast komplett Grundig. Die Bildröhren lieferte zwar schon damals Philips, und auch die Halbleiter, Kondensatoren und Widerstände wurden zugekauft. Aber die Bleche wurden noch am alten Stammsitz in Fürth gestanzt, die Hochspannungstransformatoren in Miesau gebaut - und das Gelände in Nürnberg-Langwasser war damals eine ganze Stadt mit elf unterschiedlichen Grundig-Werken. Heute sind nur zwei noch in Betrieb. In Werk neun etwa, wo früher 4 500 Arbeiter schafften, verlieren sich heute 50 Lehrlinge.

Maul und seine Abteilung arbeiten inzwischen in einer der nicht mehr gebrauchten Fabrikhallen. Ein Zweckbau mit weiß getünchten Steinwänden und vielen Stahltüren. Früher wurden hier Tonbandgeräte gebaut. Jetzt stehen Hunderte Fernsehgeräte auf hüfthohen Regalen, viele ohne Gehäuse, viele im Handel noch nicht zu kaufen: zum Beispiel ein Gerät mit einem 76-Zentimeter-Flachbildschirm.

Nicht flimmernder Monolith als Meisterwerk

Die neuen Modelle ohne Bildröhre sind Mauls besonderer Stolz. Gleich zweimal zitiert er den Test einer Zeitschrift, die den Grundig-Fernseher als Klassensieger bezeichnet hat. Maul ist Optimist, trotz Insolvenz und jahrelangen Niedergangs. Wenn er Sätze sagt wie: Es müsste mehr Schweizer geben, weil die so viele Geräte der Topklasse kauften, dann lacht er dabei, nicht bitter und gequält, sondern erfrischend herzlich. Wenn er sagen will, ein Fernseher müsste leicht bedienbar sein, kommt dabei schon mal heraus: "Das User-Interface muss easy to handle sein."

Der Mann ist Technikfan, er glaubt an seine Produkte, und der nicht flimmernde Monolith ist sein Meisterwerk. Zwei Jahre hat er an dem Projekt gearbeitet. Damals zu Monolith-Zeiten, in den Boomjahren nach der Wiedervereinigung, hätte man umstrukturieren müssen, sagen heute viele in Nürnberg. Da wäre es Zeit gewesen, sich auf die lukrativen Premium-Produkte zu konzentrieren und den Rest abzugeben. "Aber da hätten doch alle aufgeschrien. Politiker, Mitarbeiter, Journalisten - das hätte niemand verstanden", sagt ein anderer Grundig-Techniker. Im Gegenteil: Den Grundig-Leuten war nach Expansion zumute. Sie dachten daran, in Polen eine weitere Fernseherfabrik zu bauen.

Das Zwischenhoch hatte eine für Grundig schwierige Entwicklung überdeckt. Das mittlere Preissegment, Grundigs Stärke, war weniger gefragt, dafür die Billigprodukte aus Asien. "Der Bauch des Marktes wurde zur Taille", sagt ein Konkurrent, der Spagat zwischen Premium- und Massenmarkt immer schwerer.

Der Beleg dafür, dass Grundig das nicht gelungen ist, hängt in Mauls kleinem Büro: Anzeigen der Einzelhandelskette Saturn. Meist sind auch Grundig-Geräte dabei: 444 Euro für einen Fernseher, der 100-Hertz-Klasse. "500 Euro müssten die kosten", sagt er. Das gute Preis-Leistungs-Verhältnis sei doch "eine unserer klassischen Stärken". Zum Ansporn hängt er die Anzeigen auf, "damit alle sehen, wie die Preise sinken - und dass sie sich weiter verbessern müssen".

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%