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Der weite Weg der Michaëlle Jean

Staatspräsident, Präsident und Staatsoberhaupt sind eingängige Titel. Darunter kann man sich was vorstellen. Aber wie ist das mit einem Generalgouverneur oder einer Generalgouverneurin? Da besteht immer Erklärungsbedarf.

Staatspräsident, Präsident und Staatsoberhaupt sind eingängige Titel. Darunter kann man sich was vorstellen. Aber wie ist das mit einem Generalgouverneur oder einer Generalgouverneurin? Da besteht immer Erklärungsbedarf. Denn eigentlich ist die Generalgouverneurin (wir wollen heute bei dieser Form bleiben) kein Staatsoberhaupt. Eigentlich aber doch.

Die Generalgouverneurin ist in Staaten, die früher britische Kolonien waren und jetzt unabhängig sind, aber die Staatsform der parlamentarischen Monarchie beibehalten haben, die Vertreterin der britischen Krone, also von Königin Elizabeth II. Das ist unter anderem in Australien so, in Jamaika, den Bahamas und in Kanada. Dort ist Königin Elizabeth II das Staatsoberhaupt. Für Kanada ist sie die "Queen of Canada". Aber die gute Elizabeth thront ja überwiegend im Buckingham Palace oder in Windsor Castle, und nur hin und wieder besichtigt Ihre Majestät ihre Ländereien in Übersee. Eine wahre Herausforderung, wie der Fall Kanada zeigt. Denn ihr kanadischer Hinterhof ist ja um ein Vielfaches größer als ihr eigentliches Reich, United Kingdom (UK), genannt. Ungefähr haargenau 50 mal größer.

Und wenn sie mal kommt, wie unlängst, als Saskatchewan und Alberta 100 Jahre Zugehörigkeit zu Kanada feierten, will sie sich viel lieber die schönen Seiten Kanadas ansehen, als die lästigen Funktionen zu erfüllen, die sie eigentlich im parlamentarisch-monarchischen System hat, etwa Gesetze zu unterschreiben oder das Parlament aufzulösen. Dafür hat sie ja ihre Stellvertreterin, eben die Generalgouverneurin - als geschäftsführendes oder amtierendes Staatsoberhaupt.

Gegenwärtig ist Adrienne Clarkson Kanadas Generalgouverneurin. Ihre Ernennung vor sechs Jahren - durch Königin Elizabeth auf Empfehlung des damaligen kanadischen Premierministers Jean Chretien - war ein Einschnitt in der Geschichte dieses Amtes in Kanada. Bis 1999 kamen die Generalgouverneure bzw. die eine Generalgouverneurin, die Kanada bis dahin hatte, entweder als Gesandte aus dem Vereinigten Königreich oder aber aus den beiden dominierenden Bevölkerungsgruppen, den Anglo- und Frankokanadiern. Mit Adrienne Clarkson endete diese Tradition: Die gebürtige Hongkong-Chinesin kam als Flüchtlingskind 1942 mit ihren Eltern nach Kanada. Erstmals wurde das höchste Staatsamt nicht von einem Briten, Anglo- oder Frankokanadier ausgeübt, erstmals war ein Mitglied der so genannten "sichtbaren Minderheiten" Kanadas amtierendes Staatsoberhaupt.

Nun ging Premierminister Paul Martin noch einen Schritt weiter: Er schlug die aus Haiti stammende Journalistin Michaëlle Jean als künftige Generalgouverneurin vor. Natürlich akzeptierte die Queen den Vorschlag. Damit kommt Kanadas amtierendes Staatsoberhaupt erstmals aus der schwarzen Bevölkerung dieses Landes. Die 48-jährige Frau wird ihr Amt am 27. September antreten.

Mit "Mesdames, messieurs, chers collègues" begrüßte sie die Journalisten, die sich zu ihrer ersten Pressekonferenz vor dem Sitzungssaal des Senats im Parlament von Ottawa eingefunden hatte. Denn Michaëlle Jean ist Journalistin. Bekannt wurde sie als Fernsehjournalistin. Sie moderierte mehrere Magazine, darunter im englischsprachigen CBC die Dokumentarreihen "The Passionate Eye" und "Rough Cuts".

Ihre Lebensgeschichte ist bemerkenswert. "Ich hätte niemals gedacht, dass das Schicksal solch eine Ehre für mich bereithält", sagte sie. 1968 war sie als elfjähriges Mädchen mit ihren Eltern vor der Duvalier-Diktatur aus Port au Prince, der Hauptstadt Haitis, geflohen und in die frankophone kanadische Provinz Quebec gekommen. Für sie sei es ein weiter Weg. "Meine Vorfahren waren Sklaven. Sie kämpften für Freiheit. Ich wurde in Haiti geboren, dem ärmsten Land unserer Hemisphäre." Sie sei die Tochter von Exil-Haitianern, "die von einem diktatorischen Regime vertrieben wurden".

Jean repräsentiert wie Clarkson das moderne, multikulturelle Kanada, in dem Menschen aus vielen Ländern ihre Heimat gefunden haben. Mit ihrer Vorgängerin hat sie manches gemeinsam: Auch Adrienne Clarkson, eine gebürtige Hongkong-Chinesin, kam als Flüchtlingskind nach Kanada. Beide gehören den "sichtbaren Minderheiten" an, auch wenn Michaëlle Jean diese Bezeichnung nicht gerne hört: "Ich bin eine schwarze Frau haitianischer Herkunft und eine richtige Quebecerin."

Mit seiner Personalentscheidung überraschte Martin alle Auguren, die im Vorfeld zahlreiche Persönlichkeiten in Betracht gezogen, die Quebecer Journalistin aber nie in Betracht gezogen hatten. Michaëlle Jean sei eine außergewöhnliche Frau, "die weiss, was es bedeutet, in neues Land mit wenig mehr als Hoffnung zu kommen", sagte Martin. Ihre Lebensgeschichte stehe für die Chancengleichheit Kanadas und dessen Werte. Michaëlle Jean ist fünfsprachig: Neben Französisch und Englisch spricht sie Kreolisch, die Landesprache Haitis, und sie studierte in Montreal Italienisch und Spanisch. An Universitäten in Italien vertiefte sie ihre Italienisch-Kenntnisse, bevor sie an der Universität in Montreal Italienisch lehrte. Während ihrer Studienzeit arbeitete die junge Frau in Frauenhäusern und half, ein Netzwerk an Krisenzentren für Frauen und Kinder aufzubauen.

In Quebec werde sie "wie eine Göttin" verehrt, meinte ein Parlamentsmitarbeiter. Aus Regierungsquellen verlautete die Einschätzung, die Kanadier würden sich in Michaelle Jean "verlieben". Die Reaktionen auf der Website des CBC waren allerdings gespalten: Viele bejubelten die Ernennung, andere wiederum zeigten sich enttäuscht und erklärten, dies sei nicht mehr "ihr Kanada". Lassen wir die von Vorurteilen geprägten Stellungnahmen außer acht, so bleibt doch eine ernst zu nehmende Frage, die viele stellten: War es nicht an der Zeit, dass das Staatsoberhaupt aus dem Kreis der Ureinwohner, also der First Nations (Indianer) oder Inuit (Eskimos) kommt, um diesen Gründernationen Kanadas Ehre zu erweisen?

Martin jedenfalls weist den Verdacht zurück, er habe Jean auch ausgesucht, um die Basis seiner Liberalen Partei in Quebec zu stärken. Dort befindet sich die Regierungspartei in einem Stimmungstief und muss mit Verlusten bei der im Frühjahr zu erwartenden Parlamentswahl rechnen. Die haitianische Gemeinde Quebecs reagierte verständlicherweise begeistert auf die Personalentscheidung.

So weit es nachzuvollziehen ist, war keiner der bisherigen Amtsinhaber seit Staatsgründung 1867 jünger als Michaëlle Jean. Mit ihrem Mann, dem aus Frankreich stammenden Filmemacher und früheren Philosphieprofessor Jean-Daniel Lafond, wird sie in den Amtssitz Rideau Hall einziehen. Dann werden dort erstmals seit mehr als 20 Jahren in den Privaträumen wieder Kinderstimmen zu hören sein: Ihre Tochter Marie-Eden, die sie aus Haiti adoptierten, ist sechs Jahre alt.

Während des für sie langweiligen Frage-Antwort-Spiels der Pressekonferenz jonglierte Marie-Eden mit Wassergläsern und ließ sich in ihrem Spiel auch von ihrem Vater nicht stören, der sie sachte zur Ordnung mahnen wollte. Wir Journalisten warteten alle darauf, dass mit großem Radau eines der Gläser zu Bruch geht. Aber nichts geschah. Das Mädchen spielte souverän mit den Gläsern. Hoffen wir, dass sich Marie-Eden ihre Unbekümmertheit bewahrt. Dann werden wir an ihr noch viel Freude haben. Wir warten jedenfalls auf den nächsten Besuch Ihrer Majestät in Ottawa, und darauf, dass sich Marie-Eden an die Rockzipfel der Queen (oder Camillas) hängt.

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