Der Werbung von Bush und Kerry entkommt in Toledo niemand
Wahlkampf, bis es weh tut

Morgens schon vor Morgengrauen sind sie auf dem Sender, der Präsident und der Senator. Geht es auf Mitternacht zu, sind sie noch immer da. Alle zehn Minuten, immer die selben Botschaften. Fernsehen, das kann in Toledo im US-Bundesstaat Ohio zur Qual werden.

WASHINGTON. 14 273 Wahlspots gingen dort zwischen März und September in den vier großen TV-Stationen auf Sendung, so viel wie nirgendwo sonst im ganzen Land.

Toledo, das ist Wahlkampf made in USA im Extrem. Seit zwei Tagen laufen dort die neuen Spots von Präsident George W. Bush und seinem Herausforderer John Kerry. Die 30-Sekunden-Botschaften sind die Vorboten aus den Wahlkampfzentralen für das letzte der drei TV-Duells zwischen Bush und seinem Herausforderer, das heute Abend in Arizona über die Bühne geht. Neues liefern die Spots nicht, sondern technisch perfekt aufbereitete Halbwahrheiten. Obwohl der Arbeitsmarkt schwach bleibt lässt Bush sehr normale Amerikaner darüber jubeln, dass in seiner Amtszeit fast zwei Millionen neuer Jobs entstanden seien. Kerry verarbeitet Szenen aus Bushs Spot, ehe auf schwarzem Hintergrund zu lesen ist, dass die Arbeitsmarktbilanz miserabel sei.

Dass es um die Substanz beider Botschaften nicht zum Besten steht, spielt keine Rolle. Hier kommt es auf Präsenz an, eine TV-Materialschlacht von gewaltigem Ausmaß ist vor der dritten TV-Debatte im Gang. Denn die Umfragen sehen Kerry und Kopf an Kopf.

In Toledo ist das Ergebnis am laufenden Band zu sehen. Ohio ist einer der umkämpftesten Staaten, der in der vorigen Wahl knapp an die Republikaner fiel. Und Toledo verfügt über eine idealtypische Mischung: In der Stadt herrschen die Demokraten, im Umland die Republikaner. Weil die Wahlmännerstimmen eines Staates komplett dem Sieger zufallen ist Toledo im Kampf um die 20 Stimmen aus Ohio ein zentrales Schlachtfeld. Seit Juli, schätzen regionale Fernsehmanager, flossen als acht Mill. Dollar in die Fernsehwerbung in der Region Toledo.

Dass es allmählich ernst wird, demonstriert Bush seit dem vergangenen Wochenende. Vor dem letzten TV-Duell verschärft er seine Rhetorik noch einmal. In der Standardrede fehlen alle blumigen, an die Bibel angelehnte Formulierungen. Er verzichtet auf jeden Hinweis, dass man sich in bestimmten Dingen womöglich geirrt habe. Statt dessen geht Bush seinen Herausforderer frontal an: Er sei derjenige, der die Amerikaner in die Irre führe. Und Kerry hört nicht auf, Bush vorzuwerfen, er sage nicht die Wahrheit.

Für die Fernsehzuschauer bedeutet das nichts Gutes. Die Wahlkampfmanager bombardieren sie mit ihren Spots. "Mir ist ein bisschen übel davon", sagte der Manager James King der Washington Post. Der Angestellte Rick Buss, weiß längst mehr, wo ihm der Kopf steht: "Es gibt so viel von dem Zeug zu sehen, dass die Botschaften längst ineinander verschwimmen."

Quelle: Pablo Castagnola
Christoph Hardt
Handelsblatt / Ressortleiter
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