Der Wettbewerb gilt als profitabelste Fußball-Veranstaltung Europas – Ein Blick hinter die Kulissen
Champions League: 32 Mannschaften, ein Spiel

Die Uefa, der Vermarkter und die Vereine verdienen mit und in der Champions League viel Geld. Detaillierte Regelungen in umfangreichen Handbüchern sorgen für einen professionellen und sponsorenfreundlichen Ablauf - manchmal sind sie aber des Guten zu viel.

Das Ritual ist minutiös durchgeplant: Das Aufwärmen auf dem Spielfeld beginnt um 20.05 Uhr und endet um 20.35 Uhr. Dann ziehen sich die Mannschaften noch einmal in ihre Kabine zurück. Um 20.39 Uhr und 30 Sekunden kontrollieren die Schiedsrichter im Kabinengang die Stollen der Teams. Genau eine Minute später betreten die Akteure wieder den Rasen. So steht es geschrieben im "Countdown to Kick-off", einem Auszug aus dem umfangreichen Handbuch der Champions League (CL), und so geschah es beim Spiel Leverkusen gegen Turin.

Kein anderer Fußball-Wettbewerb auf Vereinsebene ist so gewissenhaft durchstrukturiert, reglementiert und organisiert wie die Königsklasse. "Unser Ziel ist, bei allen Spielen das gleiche Produkt zu haben", sagt der Uefa-Offizielle István Huszár. "Vielleicht nicht auf dem Spielfeld, aber überall sonst", fügt der Ungar lächelnd hinzu. Die Qualität der Spiele kann der europäische Verband noch nicht garantieren, aber das Drumherum im Stadion und Fernsehen schon.

Huszár überwacht in Leverkusen als "Venue Director" die operative Umsetzung des Uefa-Konzepts. Ansonsten leitet er die internationale Abteilung des ungarischen Fußballverbandes. Sein schwedischer Kollege Göran Harvik kümmert sich als so genannter Media Officer speziell um den Medienbereich. Die beiden sitzen Montagmittag, einen Tag vor dem Spiel, an ihrem Schreibtisch in ihrer Arbeitssuite im Lindner Hotel direkt in der BayArena.

Same procedure as last match

Dass die beiden so entspannt sind, liegt am Spielort. "In Leverkusen läuft es eigentlich immer problemlos" - allein schon auf Grund des durchkonzipierten Stadions und der Champions-League-Erfahrung, so Huszár. Daher dauerte auch die erste offizielle Besprechung mit dem Klub am Montag um 10 Uhr morgens nur fünfzehn Minuten. Routine. Same procedure as last match. Doch dies ist die Ausnahme von der Regel. "Vor allem bei der ersten Teilnahme eines Klubs in der Champions League müssen wir viel mehr Fragen beantworten, da dauert das erste Meeting schon mal zwei Stunden."

Im Zimmer nebenan, das Bad wird geteilt, arbeiten die Vermarktungsleute von der Television Event and Media Marketing AG (Team). Die Schweizer Agentur vermarktet die Champions League seit ihrem Entstehen 1992. Auch hier ruhiges Arbeiten, wenig Hektik. Den drei Angestellten aus der Zentrale greifen fünf lokale Aushilfen unter die Arme, sei es im Büro oder als Chauffeur, um Gäste vom Flughafen abzuholen.

Team-Mann Peter Nordenström in seinem grauen Anzug mit dem aufgesticktem CL-Logo koordiniert die Umsetzung des Agenturkonzepts. Seine wichtigster Bereich ist das Fernsehen: "Egal, welches Spiel man sich ansieht, der Zuschauer soll immer das gleiche Bild haben." So sind Standards wie die Mindestanzahl der Kameras und deren Positionen bei allen Spielen festgelegt, egal ob in Trondheim oder Madrid. "Für die neuen Klubs ist es schon etwas hart, wenn wir mit unseren Listen ankommen", konzediert er. Daher fährt Team bereits im Juni zu rund 20 Klubs, die sich eventuell für die nächste Saison qualifizieren können, um sie auf die Anforderungen vorzubereiten.

Nur noch zweieinhalb statt vier Tage Vorbereitung

Nordenström selbst bestreitet seine zweite CL-Saison. Als Vereine bekam er diesmal Lyon und Leverkusen zugesprochen, in der Regel erhält ein "Teamer" nur einen Klub. Scheidet der aus, ist auch die Saison für den Teamer weitgehend vorbei. Nach mehreren Jahren bei einer anderen Agentur "musste ich mich stark daran gewöhnen, dass bis in das kleinste Detail kontrolliert und vorbereitet wird - wohl nirgends so stark wie bei Team", so der in der Schweiz aufgewachsene Schwede.

Ein Beispiel für die Kontrolle ist die so genannte Signage-Group. Diese sechs bis sieben Leute eines englischen Unternehmens sorgen unter anderem für den Aufbau der CL-Banden. Zwei Tage vor Anpfiff kommt der Truck mit den Utensilien an; in aller Regel pendelt er zwischen zwei Spielorten - in diesem Fall zwischen Leverkusen und München. Nur wenige Dinge, wie etwa die Leibchen für die Fotografen, verbleiben die gesamte Saison am einem Ort. "Wenn ein Team ausscheidet, werden die Leibchen abgezählt und mitgenommen", so Nordenström. Vorher hat Leverkusen schon das Stadion "neutralisiert", also jegliche Banden und Banner der lokalen Klub-Sponsoren abmontiert. Nur der Bayer-Schriftzug prangt groß in den Vereinswappen, die im Stadion nicht zu übersehen sind. "Als wir vor vier Jahren zum ersten Mal dabei waren, haben wir für Vor- und Nachbereitung eines Spiels vier Tage gebraucht, heute schaffen wir es in zweieinhalb", sagt Helmut Hellenkamp, Leverkusens Leiter für Sicherheit und Technik. Dank der Signage-Crew sind auch das Design und die Wortwahl der Wegweiser einheitlich. Egal, in welchem Land oder welcher Stadt, die Gäste aus aller Welt sollen sich gleich zurechtfinden können.

Jeder der vier CL-Sponsoren - Amstel, Eurocard, Ford und Sony - erhält rund 50 Tribünenkarten, über die er frei verfügen kann. Hinzu kommen noch circa 100 Gäste der Uefa, macht insgesamt 300 Personen. Dies führt in Leverkusen dazu, dass einige Klub-Ehrengäste von ihrem Stammplatz weichen müssen.

Regelungsdschungel fast undurchdringbar

Auch ein Teil der Journalisten muss sich unter das gemeine Fußball-Volk mischen - 176 Anmeldungen lagen vor, aber die Pressetribüne umfasst nur 124 Plätze. Kein Wunder, dass die Presseabteilung des Vereins wesentlich mehr zu tun hat als bei einem Bundesliga-Spiel. Pressesprecher Ulrich Dost ist jedoch nicht der Meinung, dass zu viel reguliert wird. "Ganz im Gegenteil, viele Dinge, die bei der Champions League praktiziert werden, haben wir übernommen." Vor der ersten CL-Saison 1997 sei man gegenüber Team schon skeptisch gewesen. "Aber unsere Leute haben gemerkt, da können wir was lernen."

Etwas zwiegespalten ist Markus Hövel, Produktionsleiter für Premiere und daher Koordinator über 120 Leute vor Ort. Zum einen erschwerten die strikten Regelungen seine Arbeit, etwa weil Spieler-Interviews nur drinnen vor den Stellwänden mit den Sponsoren-Logos gemacht werden dürfen. "Andererseits kann man sicher sein, dass da keiner durch das Bild läuft." Zudem legte Team feste Verrechnungspreise für Leistungen der TV-Sender untereinander fest. So variierten die Preise für das Überspielen eines Beitrags per Satellit vom Spielort in das Sendezentrum vorher stark, meist zum Nachteil der deutschen Sender.

Die Regelungsdichte des TV-Manuals überblicken zum Teil die Team-Leute selbst nicht: In der vergangenen Saison monierte ein Mitarbeiter, dass Premiere eine kleine Tor-Kamera nicht am Torpfosten befestigt hatte, sondern an einem eigens errichteten Pfosten. "Dem habe ich dann im Manual die betreffende Vorschrift gezeigt", so Hövel. Vier Stunden vor dem Spiel machte Premiere unter Aufsicht von Team und Uefa noch einen letzten Schwenk mit einer Stadionkamera über die Banden: Ein Torpfosten verdeckte das "P" der Playstation 2. Die Aufschrift wurde zehn Zentimeter versetzt, dann war alles zu lesen und Sony konnte zufrieden sein. Die Sponsoren zahlen angeblich jeweils rund 25 Millionen Euro pro Jahr. Zufrieden war in Leverkusen auch die Uefa. Eine Stunde nach Spielende stand die 45-minütige Abschlussbesprechung auf dem Programm. Es gab ein dickes Lob an den Verein.

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