Derivate verringern das Wetter-Risiko der Weltwirtschaft
Bei steigenden Temperaturen fließt das Bier meist in Strömen

Das Wetter kann man nicht ändern. Richtig! Doch gegen die mit Unwettern und Katastrophen verbundenen Risiken kann sich die Wirtschaft seit geraumer Zeit absichern. Dem noch jungen Markt für Wetter-Derivate und Katastrophen-Derivate kann eine große Zukunft vorhergesagt werden.

Seit einigen Jahren bieten Wetterderivate die Möglichkeit zur Absicherung gegen wetterspezifische Risiken. Wetterderivate ermöglichen der Wirtschaft einen innovativen und oft kostengünstigen Weg für die Risikoabsicherung bei Wetterentwicklungen. Der wirtschaftliche Erfolg zahlreicher Industriezweige ist von Witterungseinflüssen geprägt. Die Quantität und Qualität von landwirtschaftlichen Erzeugnissen wird durch zu ka-te, zu heiße, zu trockene oder zu feuchte Witterung beeinträchtigt. Milde Winter führen zu Umsatzeinbußen bei Energieversorgern, da weniger Brennstoffe verbraucht werden als in Jahren mit starkem Frost. Parallel dazu verzeichnet die Tourismusbranche in den Bergen Verdienstausfälle auf Grund von Schneemangel. In heißen Sommern steigt indes der Eiskonsum und damit auch der Umsatz der Eisindustrie.

Die Liste von Industriezweigen, die durch eine starke Abhängigkeit von Wettereinflüssen charakterisiert sind, kann beinahe beliebig fortgesetzt werden. Besonders bildhaft lässt sich die Bedeutung von Witterungseinflüssen an einer Studie des britischen meteorologischen Instituts darstellen. Diese Studie kam zu dem Ergebnis, dass ein Temperaturanstieg von 3 Grad einen zusätzlichen täglichen Bierkonsum von rund 10 % (und damit erhebliche Umsatzsteigerung für Bierbrauer) zur Folge hat.

Wetterderivate unterscheiden sich von traditionellen Derivaten insoweit, als ihnen kein Finanzinstrument bzw. kein anderes handelbares Basisinstrument zugrunde liegt. Die Basiswerte eines Wetterderivates bestehen aus Daten über Temperaturen oder Niederschläge. Es können auch Windstärken oder Schneefall bzw. Kombinationen verschiedener Wetterkomponenten sein. Derzeit basiert die weit überwiegende Mehrzahl von Wetterderivaten, wie Optionen, Swaps, Caps, Floors und Collars auf Temperaturen.

Derivative Instrumente zur Absicherung gegen wetterspezifische Risiken besitzen mit Sicherheit ein großes Potenzial. Dies werden auch Banken erkennen, die z. B. als Vermittler und Arrangeure von Transaktionen zwischen Kunden mit gegenläufigen wetterbezogenen Interessen aktiv werden können. Ein Massenprodukt sind sie indes bislang (noch) nicht. Zunehmend ist auch ein steigendes Interesse an strukturierten Lösungen wahrzunehmen.

Daneben eröffnen in jüngster Zeit Katastrophenprodukte die Möglichkeit zum alternativen Risikotransfer (ART). Solche Instrumente können zur Absicherung gegen asymmetrische Risiken jeder Art genutzt werden. Das Klimaphänomen "El Niño", Erdbeben in Kalifornien und die jüngste Jahrhundertflut in Europa sind naheliegende Einsatzgebiete. Aber auch die ökonomischen Auswirkungen von Krieg, Terror und sogar Meteoriteneinschlägen könnten mit Hilfe von Katastrophenprodukten abgesichert werden. Ein derart weiterer Einsatzbereich macht das Katastrophen-Hedging nicht nur für die (Rück-)Versicherungswirtschaft attraktiv, sondern auch für andere Industrieunternehmen oder evtl. sogar Privatpersonen, wie z.B. Hausbesitzer. Andererseits bieten die zumeist unter Einschaltung von Kapitalmärkten ausgegebenen Anleihen (sog. CAT-Bonds) auch eine interessante Anlage. Zu den Investoren zählen vor allem Hedge Funds, Investmentbanken sowie Versicherungen. Erweiterte Rendite- und Diversifikationsmöglichkeiten lassen sie aber auch für andere institutionelle Anleger und sogar Privatpersonen reizvoll erscheinen. In letzter Zeit wird eine zunehmende Nachfrage nach Alternativen zum Versicherungsmarkt über die Kapitalmärkte insbesondere bei exotischen Risiken deutlich. Oft spielen dabei die sich verringernde Liquidität der Versicherungsmärkte und der Preisfaktor eine entscheidende Rolle. Über Katastrophenprodukte kann man z. B. außergewöhnliche industrielle Risiken häufig günstiger als durch eine entsprechende Versicherungspolice oder in einem über deren Rahmen hinausgehenden Umfang absichern.

Um jedoch einen endgültigen Durchbruch von Wetterderivaten und Katastrophenprodukten zu erreichen, müssen etwaige Hemmnisse überwunden werden. Insbesondere stellen sich eine ganze Rei-he von Rechtsfragen. Ein Wetterderivat ist ein Vertrag zwischen zwei Parteien. Im Grunde stellt er eine Verrechnung dar, die sich auf ein Basisinstrument bezieht. Klassischerweise waren und sind dabei Fragen der Vertragsabschlusskompetenz sowie der Durchsetzbarkeit zu beachten. Mit dem Vierten Finanzmarktförderungsgesetz hat der deutsche Gesetzgeber Mitte des Jahres hier für mehr Klarheit gesorgt. Die meisten Katastrophenprodukte sind Anleihen, für die das Recht der Schuldverschreibungen gilt. Daneben gilt es Fragen der Sicherheitenbestellung zu beachten.

Für regulierte Industriezweige sind aufsichtsrechtliche Vorschriften von zentraler Bedeutung. Dabei müssen vor allem Anlagebeschränkungen für Versicherungen und andere Spezialinstitute (z. B. Hypothekenbanken oder Investmentfonds) sowie Eigenkapitalbestimmungen beachtet werden. Mit zunehmender Etablierung der Märkte lassen sich diese Fragen aber auch besser in Zusammenarbeit mit den zuständigen Aufsichtsbehörden lösen.

Peter Scherer ist Partner im Frankfurter Büro von Clifford Chance Pünder und dort in den Arbeitsbereichen Bank - und Kapitalmarktrecht tätig.

Quelle: Handelsblatt

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