Derivatemärkte auf Rekordkurs
Anleger rennen Terminbörsen die Türen ein

Flaute und depressive Laune hier - Rekorde und Jubelstimmung da. Unterschiedlicher könnte die allgemeine Lage an den internationalen Finanzmärkten kaum sein. Während die großen Aktienbörsen von New York über Tokio bis nach London und Frankfurt unter der allgemein starken Zurückhaltung der institutionellen und privaten Anleger leiden, melden die Terminbörsen in aller Welt seit vielen Monaten neue Rekordumsätze.

Der Grund für die Umsatzflaute der Aktienbörsen in aller Welt ist bekannt: Das Platzen der Technologieblase und die in den letzten Monaten verzeichneten rezessiven Einflüsse in der Weltkonjunktur führten dazu, dass die Anleger der Aktie die rote Karte gezeigt haben. So mancher private Anleger hat in den vergangenen Jahren einen nicht unerheblichen Teil seiner finanziellen Altersversorgung an der Börse "verspielt". Die massiven Verluste am "Neuen Markt" und in der T-Aktie sind nur zwei Beispiele für das Ausmaß des angerichteten Schadens.

Für viele Anleger dürfte die Aktie auf Jahre hinaus keine wirkliche Alternative beim Vermögensaufbau mehr sein. So kann nicht verwundern, wenn bekannte Finanz-Analysten wie die Wall Street-Legende Ralph Bloch vom Finanzhaus Raymond James & Associates meinen, es werde wohl noch sehr lange dauern, bis das bei den Anlegern verloren gegangene Vertrauen zurückgewonnen werden kann.

Die allgemeine Nervosität der Anleger hat dazu geführt, dass sich immer mehr Anleger in den vergangenen Monaten nicht nur über Möglichkeiten des Risikomanagements informiert, sondern auch die entsprechenden Instrumente in ihrer Anlagestrategie umgesetzt haben. "Weltweit setzen immer mehr Akteure Risikomanagement-Instrumente ein", sagt John Damgard, Präsident der Futures Industry Association (FIA) in Washington.

Bei diesen Produkten handelt es sich um moderne Finanzinstrumente wie Optionen, Futures, Forwards und Swaps, die allgemein unter dem Begriff "Derivate" zusammengefasst werden. Mit diesen Instrumenten haben die Anleger vielfältige Möglichkeiten. Zum einen können sie bestehende Wertpapierbestände gegen Kursrisiken "versichern" und zum anderen können sie mit geringem Einsatz auf steigende Kurse spekulieren und die Hebelwirkung dieser Finanzvehikel einsetzen. Für den beachtlichen Umsatzsprung bei Finanz-Derivaten waren nicht gut geschulte Marktteilnehmer wie Hedge Funds verantwortlich, die Derivate in ihrer Strategie für vielfältige Zwecke einsetzen.

Der größte Teil des Derivategeschäfts wird an den OTC-Märkten (Freiverkehr) direkt zwischen den großen Marktteilnehmern abgewickelt. Nur ein geringer Teil des Handels findet an organisierten Terminbörsen statt. Aus den Zahlen, die diese Derivatebörsen jetzt veröffentlicht haben, ist zu ersehen, dass der globale Derivatehandel in den ersten neun Monaten dieses Jahres Umsatzsteigerungen von rund 40 % erbracht hat. Die Futures Industry Association (FIA) in den USA meldet für die ersten neun Monate 2002 einen weltweiten Umsatz in Futures, Optionen und Optionen auf Futures von 4,32 Mrd. Kontrakten.

"Auch im vierten Quartal ist kein Abflachen des dynamischen Aufschwungs zu erkennen", sagt Damgard. Daher rechnet die Branchenorganisation der amerikanischen Derivatehäuser für das gesamte Jahr mit einem neuen Rekordumsatz. Die aktuellen Zahlen für den Monat Oktober bestätigen diese Erwartung. In den USA melden CME und CBOT für Oktober weitere Umsatzsteigerungen von jeweils mehr als 60 %.

Eine globale Betrachtung macht deutlich, dass die nicht-amerikanischen Terminbörsen in den ersten neun Monaten mit einem Plus von 54 % einen dynamischeren Umsatzzuwachs erzielten als die über fast 150 Jahre hinweg dominierenden US-Derivatebörsen in Chicago und New York, deren Umsätze von Januar bis Ende September 2002 um rund 36 % über dem Vorjahresniveau lagen.

Die von der Zahl der gehandelten Kontrakte größte Terminbörse der Welt war die Korea Stock Exchange (KSE), die ihren Umsatz um etwa 158 % auf 1,285 Mrd. Kontrakte steigerte. Legt man bei einer Analyse jedoch den Nominalwert der gehandelten Kontrakte als Messlatte an, so ist die deutsch/schweizerische Terminbörse Eurex nach wie vor die bei weitem größte und erfolgreichste Terminbörse in der Welt. An der Eurex wechselten in den ersten neun Monaten dieses Jahres knapp 600 Mill. Kontrakte den Besitzer, was einer Umsatzsteigerung von 21,3 % entsprach.

Unter den umsatzstärksten Terminbörsen der Welt folgt die paneuropäische Terminbörse Euronext Liffe mit 531 Mill. Kontrakten auf Rang drei. Die über viele Jahre hinweg das globale Derivategeschäft prägenden US-Terminbörsen folgen auf den weiteren Rängen. Die Chicago Mercantile Exchange (CME) hat inzwischen den einstigen Klassenprimus Chicago Board of Trade (CBOT) hinter sich gelassen. Die als innovativer geltende CME brachte es in den ersten drei Quartalen 2002 auf einen Umsatz von rund 414 Mill. Kontrakten, während das "Mutterschiff" CBOT etwa 253 Mill. Kontrakte umsetzte.

Verlierer unter den großen Terminbörsen der Welt war die Chicago Board Options Exchange, die 202 Mill. Abschlüsse meldete, was einem Minus von 13,8 % gegenüber der gleichen Vorjahresperiode entsprach. Der Grund für diese Entwicklung liegt für die Experten der FIA auf der Hand: Die Schwäche der Aktien habe dazu geführt, dass das Interesse an Optionen auf einzelne Aktien stark geschrumpft sei.

Umsatzsprünge gab es nicht nur bei Finanz-, sondern auch bei Rohstoff-Derivaten. Witterungsbedingte Einflüsse wie Hitze- und Dürreperioden sowie Überschwemmungen führten dazu, dass die Umsätze in Agrar-Derivaten an den US-Börsen um 22 % stiegen. Der zeitweilig haussierende Ölpreis war Ursache für ein 38 %iges Umsatzplus bei Energie-Derivaten. Stark war auch die Bereitschaft zu Engagements in Edelmetall-Derivaten, die ein Umsatzplus von 39 % erlebten.

Quelle: Handelsblatt

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