Derzeit wandert der Gewinn noch weitgehend in das Sortiment
Koch-Lese-Lust

Die Berlinerin Brit Lippold verkauft nicht nur Kochbücher, in ihrer Kochbuch-Buchhandlung kann man die Rezepte auch ausprobieren.

DÜSSELDORF. Seit ich vor fünf Jahren in London einen ähnlichen Laden gesehen habe, wollte ich so ein Geschäft in Berlin eröffnen", erinnert sich Kochlust-Gründerin Brit Lippold. Der Laden war eine Kochbuch-Buchhandlung mit angegliederter Testküche. Ein Konzept, das Lippolt sofort begeisterte.

Ein Jobwechsel - Lippold arbeitete damals noch bei der Berliner Senatsverwaltung für Arbeit und Frauen - und eine Abfindung von 85 000 DM lieferten die Gelegenheit und die Finanzmittel für die Gründung. Die 39-Jährige wollte ihren Buchladen aus eigener Kraft finanzieren: "Bei Banken hätte ich mit meinem Konzept wahrscheinlich sowieso wenig Chancen gehabt", sagt Lippold und verweist auf ihren vorigen Arbeitgeber, durch den sie einen guten Einblick in die Gründer- und Gründerkreditszene bekommen hatte.

Fast zwei Jahre nahm sich die Perfektionistin Zeit, um die richtigen Gewerberäume für ihr Projekt zu finden - ein denkmalgeschütztes Haus im Trendbezirk Berlin-Mitte mit einem Mietpreis von sieben Euro pro Quadratmeter - und sich auf das Leben als Buchhändlerin vorzubereiten. Dafür belegte sie eine Fortbildung für Existenzgründer bei der Berliner "Weiberwirtschaft", einem Gründerprojekt für Frauen, und jobbte zusätzlich in einer Berliner Buchhandlung als Verkäuferin. "Ich habe mir zwar auch ein umfangreiches Werk über das Berufsbild des Buchhändlers zu Gemüte geführt, doch in diesem Beruf gibt es eine Menge Dinge, die man sich einfach nicht anlesen kann", resümiert die kurzhaarige, behutsam agierende Frau, deren Energie und Tatendrang nicht auf den ersten Blick zu erkennen sind.

Lippolds Berliner "Kochlust"-Buchhandlung umfasst drei Räume: Im vorderen Raum hat sie die Buchhandlung untergebracht, im mittleren, leicht erhöhten Durchgangszimmer liegt die Lehrküche, und das Hinterzimmer zum Hof dient als Speisezimmer.

Das Erstsortiment füllte knapp ein Viertel der Regalfläche. Lippold: "Mehr ließ mein Eigenkapital damals nicht zu." Doch das war nicht der einzige Grund für die Zurückhaltung: "Ich wollte das Sortiment kontinuierlich aufbauen. Schließlich sollte sich die Buchauswahl ja auch an den Kundenwünschen orientieren."

Mittlerweile sind die mit Patina behafteten Holzregale reich gefüllt. Das Sortiment reicht vom kleinen Ratgeber für fünf Euro bis zum großformatigen, kunstvoll gestalteten Haute Cuisine-Werk für 80 Euro. Es gibt Kochbücher von Prominenten, ausländische Küche, Kinder-Kochbücher und Werke über Gewürze, Kräuter, Diäten oder die vegetarische Küche. Auch Ausgefallenes ist darunter: Chaoten-Kochbücher beispielsweise, "Kochen für wilde Jungs", oder "Das Nutella-Kochbuch". Für Großstadtpflanzen mit knappem Zeitbudget gibt es das "Minuten-Kochbuch" mit eingebautem Küchenwecker, und für weniger Begabte "Das Kochbuch für hungrige Männer" mit aufgeklebtem Dosenöffner.

Der Berliner Koch Josch Heiber hat auf einen solchen Laden nur gewartet: "Als ich von der Eröffnung hörte, bin ich gleich hierher gekommen. Kochbücher faszinieren mich, und die warme, herzliche Atmosphäre des Ladens hat mir gut gefallen." Heiber ist seitdem Stammkunde.

Waren die Umsätze aus dem Buchverkauf in der Eröffnungsphase noch sehr überschaubar - pro Tag lag der Umsatz im April 2001 bei etwa 100 DM - stiegen die Kundenzahl und auch die Zahl der verkauften Bücher gegen Ende des Jahres rasant an. "Im Dezember lag der Umsatz pro Tag bereits bei etwa 800 DM", freut sich Lippold. Doch auch sie weiß, dass das Weihnachtsgeschäft nicht mit dem des restlichen Jahres vergleichbar ist. Sie hofft, dass sich die Einnahmen bei der Hälfte des Dezember-Niveaus stabilisieren: "Dann kann ich schon zufrieden sein."

Doch auch so hat Lippold Grund zur Zufriedenheit. Nach einem erfolgreichen Start erwartet sie den Break-Even schon ein halbes Jahr früher als im Business-Plan verzeichnet: im November 2002 - 18 Monate nach Ladenöffnung. Derzeit wandert der Gewinn noch weitgehend in das Sortiment: "Mein Ziel ist es, eine möglichst breite Palette an Kochbüchern zur Ansicht im Laden zu haben", sagt Lippold. "Der Laden ist mein persönliches Paradies", das steht für die privat gar nicht so "koch-lustige" Frau fest. An eine Filiale oder an ein Franchise-System denkt sie nicht: Sie will ihren Betrieb überschaubar halten. Deswegen vermeidet sie auch zusätzliche Personalkosten: Im Verkauf wechselt sie sich mit ihrer Schwiegermutter ab.

Doch nicht nur der Umsatz aus dem Kochbuchverkauf, auch die Kochabende entwickeln sich zufriedenstellend. Für die ersten Kurse, die anfangs nur einmal im Monat stattfanden, engagierte Lippold zwei befreundete Köche. Diese Abende, die je nach Zutaten zwischen 38 und 55 Euro pro Person kosten, sind ein Publikumsrenner. Als effektiv hat sich die Strategie der Kochbuchhändlerin erwiesen, Flyer mit dem Kochprogramm der nächsten Wochen in Restaurants zu verteilen. Mittlerweile sind ihre auf zehn Teilnehmer begrenzten Kurse (drei pro Woche) fast immer ausgebucht.

Unter den Teilnehmern seien übrigens eine ganze Reihe Hobbyköche, die "fast an den Standard von Profis heranreichen", so Lippold. Ihnen will sie eine Anlaufstelle und ein Kommunikationszentrum bieten, in dem sich zwanglos über das Lieblingsthema Kochen reden lässt. Denn nicht Kneipe oder Disco, sondern die Küche - das zeigt jede Party - ist bekanntlich der beste Ort zum Klönen.

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