Des Kanzlers loyaler Helfer
Traditionssozi: Franz Müntefering

Anfangs zeigte sich Franz Müntefering geschmeichelt, als vom "Münte-Effekt" die Rede war, den sich viele im Frühjahr vom neuen Parteivorsitzenden erhofften. Im Sommer dann ärgerte er sich über den "Pappkameraden", den die Presse erfunden habe, um ihn "umblasen" zu können. Inzwischen redet keiner mehr vom Münte-Effekt. Konsolidiert hat sich die Partei trotzdem.

Es war eine Notoperation: Als der Kanzler als Parteichef zunehmend unter Druck geriet, bat er "den Franz", den Vorsitz zu übernehmen. Der Sauerländer, der die Wahlsiege 1998 und 2002 organisiert, die Partei als Generalsekretär modernisiert und zuletzt die Fraktion auf Agenda-Kurs gebracht hatte, zögerte - um dann umso entschlossener ans Werk zu gehen. Der Slogan des 1940 Geborenen: "Jetzt kommen die 64er" spielt auf die Generation der Sozialdemokraten an, in der sich die meisten Enttäuschten finden.

Der vom Betonkopf zum Reformer gewandelte Traditionssozi konnte der Partei, anders als der viel beschäftigte Kanzler, nicht nur endlich wieder die nötige Zuwendung geben - ihm misstrauten sie auch nicht wie Schröder, sondern glaubten ihm am Ende, dass die Agenda unumgänglich sei. Zudem beschäftigte er die Partei mit Denkarbeit - vom Programm bis zur Bürgerversicherung.

Wie versprochen - "Ich geh? durch dick und dünn mit dem Gerd" -, boxte er des Kanzlers Agenda durch und ließ auch sonst an keiner Stelle mangelnde Loyalität durchscheinen. Wer geglaubt hatte, Müntefering werde alsbald nach der ganzen Macht trachten, suchte vergeblich nach Indizien. Selbst als er des Kanzlers Idee, den 3. Oktober abzuschaffen, beiseite räumte, vermochte er das als halbwegs abgestimmte Aktion darzustellen.

Auf die Enttäuschung mancher Linker, die weder Ausbildungsplatzabgabe noch Mindestlohn bekamen und Müntefering nun Taktiererei vorwerfen, reagiert dieser nur schulterzuckend. Warum keine Taktik, wenn sie ihren Zweck erfüllt? scheint die Botschaft des Mannes zu sein, für den Politik vor allem Organisation ist.

Der Sundener Arbeitersohn hat der Partei wieder vorsichtige Zuversicht gegeben. Daran dürfte auch der Misserfolg zum Jahresausklang nichts ändern, als die von ihm und Edmund Stoiber geleitete Föderalismuskommission scheiterte.

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
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