Designkritik Frankfurter Handelssaal
Die falsche Truman Show

Die Börse wäre besser bedient gewesen, die Architektur ihres alten Handelssaals zu erhalten.

DÜSSELDORF. Einen Handelssaal braucht heute niemand, Frankfurt jedoch eine würdige TV-Bühne für seine Börse und eine einmalige Attraktion für seine Touristen. Aber das Parkett ist tot.

Amsterdam 15. März 1954, erster Angebotstag für die Aktie von Royal Durch Oil. Um den Mann mit dem Notizblock drängen sich im engsten Raum mehr als zweihundert Gleichgesinnten zusammen. Von oben meisterhaft fotografiert, stellt der pulsierende Männer-Bienenstock die kreisförmig-perfekte Inszenierung des Börsenhandelns dar. Welch ein romantisches Bild! Schließlich braucht man seit Einführung des Xetra-Systems 1997 keinen Saal mehr, handeln kann man mittlerweile von überall.

Warum also den Frankfurter Handelssaal überhaupt erneuern? Ganz einfach weil Marken eine Identität brauchen, die sichtbar und dadurch wahrgenommen wird. Architektur, die katholische Kirche und die Rügenwalder Mühle beweisen es, ist mit das beste Instrument der Markenkommunikation. Deswegen braucht die Frankfurter Börse zur Dreidimensionalisierung seiner Marke einen Raum, und wenn schon einen Raum, dazu auch siebzig Menschen, als echte Schauspieler dort arbeitend. Alles für sieben Fernsehsender, die eine erkennbare Bühne für den Moderator brauchen und für zigtausende Schüler und Touristen, die diese dann einmal in Echtheit gesehen haben wollen. Aber das, was man zu sehen bekommt, ist kaum mehr echt: Auf die eng gewordenen Parkettwege drängt niemand, die Makler stehen zwar im Kreis wie damals in Amsterdam, geben sich aber unkommunikativ die Schultern. Deswegen fällt das Urteil über die architektonische Qualität dieses Raums schwer.

Es fängt vom Konzept an: Eine „moderne Anmutung“ sollte er haben. Und schon versteht man nicht, was damit gemeint ist. Begann die Moderne doch im 18. Jahrhundert und endete sie allerspätestens in den 1920er Jahren, so war die vorherige blutrote Einrichtung des Handelssaals bereits post-modern. Wenn mit „modern“ zeitgemäß gemeint was, so ist das Ergebnis eher ein Sammelsurium aus verschiedenen Epochen. Die geräucherte Eiche des neuen Parkettbodens und das Milchglas der neuen Space-Odissey-Schranken mögen zwar im Trend liegen. Die ursprüngliche Wandverkleidung, deren Holzessenz farblich zum neuen Parkett gar nicht passt, bleibt aber unverändert.

Seite 1:

Die falsche Truman Show

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%