Designkritik: Piaggio MP3
Vespa hoch drei

Der Vespa-Erfinder und viertgrößte Motorradhersteller der Welt, Piaggio, definiert mit dem außergewöhnlichen Dreirad-Roller MP3 neue Wege der Mobilität.

DÜSSELDORF. Zwar sind aller guten Dinge drei. Dennoch waren Dreiräder am Markt nie richtig erfolgreich. Als Alternative zum Automobil waren sie zwischen den 20er und 50er Jahren in Europa populär, wurden aber, sobald das vierte Rad günstig zu haben war, rasch vergessen. Sie taugten vor allem als Nutzfahrzeug – ob der Hanseat oder der seit kurzer Zeit wieder trendige Ape von Piaggio. Wer hätte sonst ein Motorrad fahren wollen, das so aussieht und sich so fahren lässt wie ein Kinderfahrrad?

Nun bringt Piaggio, der Vespaerfinder und die Roller-Marke schlechthin, eine radikale Lösung auf den Markt. Dank aufwendiger Konstruktion gibt es vorne nun zwei unabhängig voneinander lenkbare Räder: Man fährt genauso sportlich wie auf dem Zweirad, dafür mit erhöhter Rutsch- und Bremssicherheit. Der MP3 vermittelt ein völlig neues Fahrgefühl, garantiert eine bis zu 25 Prozent höhere Bremskraft und bietet viele kleinere Vorteile. So dürfen an der Ampel beide Füße bequem auf den Trittbrettern bleiben – ein Ständer ist überflüssig.

Obwohl Piaggio das verständlicherweise nicht erwähnt: Die Idee stammt aus Deutschland. Seit den 50er Jahren konsequent vom Ingenieur Wolfgang Trautmann entwickelt, wurde das Fahrzeug in den 70er Jahren patentiert. 1984 konstruierte Trautmann im Auftrag von Piaggio zwei Versuchsfahrzeuge auf Vespa-Basis. Auf Grund mangelnder Nachfrage wurde das Patent nach dem Tod des Erfinders aufgegeben.

Ein Glücksfall für Piaggio. Aber ist das die Lösung, auf die der Markt gewartet hat? Ich bezweifele es. Der erfahrene und dynamische Rollerfahrer wird außer dem riesigen Gepäckraum – 65 bis 110 Liter mit Platz für Gegenstände bis ein Meter Länge – kaum Vorteile sehen. Für Umsteiger vom Auto ist das mit 125 bzw. 250 Kubik motorisierte Dreirad eine Nummer zu groß – sie brauchen den passenden Führerschein. Hinzu kommt ein Verbrauch von vier Liter auf 100 Kilometer und ein Preis um die 5000 Euro: Das ist fast Automobilniveau.

Der MP3 scheint daher bereits zu Beginn seines Lebens vor dem Scheideweg zu stehen: Entweder qualifiziert er sich als sicheres Fortbewegungsmittel für diejenigen unter der kaufkräftigen 50+Generation, denen das Motorradfahren zu gefährlich geworden ist oder er verschafft sich schnell das Image des Nischen-Fahrzeugs – ein Crossover zwischen Motorrad und den beliebten, aber doofen Quads.

Das Design scheint in letztere Richtung zu gehen. Piaggio verzichtet auf die radikal neue Positionierung des MP3 als intelligentes, ökonomisches und funktionales Urban-Commuter. Der MP3 übernimmt den sportlich-aggressiven Stil des Gran-Turismo Roller X8, mit vielerlei Andeutungen: vorne Quad, hinten Vespa.

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