Detlef Haß ist Partner der internationalen Anwaltskanzlei Lovells
Zusammen gegen den Vorstand

Diese Internetadresse wird ab Januar ganz oben auf der Liste der Favoriten von Vorständen börsennotierter Aktiengesellschaften stehen: ebundesanzeiger.de/ebanzwww/ wexsservlet. Auf dieser Seite des Bundesanzeigers können sich nämlich bald Anleger anmelden, um Gleichgesinnte zu finden, die den Vorständen an die Geldbörse, das Haus und das Auto gehen wollen.

Sie können sich dort sammeln, um gemeinsam ein Prozent des Gesellschaftskapitals oder 100 000 Euro Kapital für eine Klage gegen den Vorstand zusammen zu bekommen. Zum Vergleich: Der alte Schwellenwert war zehnmal so hoch - und für einige Klageversuche von Aktionären eine unüberwindliche Hürde. So bei Holzmann. Medien und Klägeranwälte werden die Internetseite genauso interessiert beobachten und den jeweiligen Stand der Dinge publik machen.

Der Hintergrund: Die Bundesregierung plant ein neues Gesetz zur Unternehmensintegrität und Modernisierung des Anfechtungsrechts (UMAG). Ein Ziel: Es soll Aktionären Schadensersatzklagen gegen Vorstände erleichtern. Und weil ein Klein-Anleger allein auch die niedrigere Kapitalschwelle nach dem UMAG kaum erreichen dürfte, schreibt das Gesetz ein Forum im Internet vor, in dem sich Klein-Anleger zu einer gemeinsamen Klage zusammenfinden können. Für jeden frei zugänglich, damit andere Aktionäre auf den Zug vors Gericht aufspringen können - ohne eigenes Kostenrisiko, sobald erst einmal ein Richter die Klage zugelassen hat.

Wie ein Seismograph könnte dieses Forum den Unmut der Aktionäre abbilden - sei es weil Manager tatsächlich misswirtschaften oder, und hier liegt die von der Homepage ausgehende Gefahr, Querulanten das Forum für Stimmungsmache nutzen. Diese Szenarien werden sich abspielen noch bevor die Klage erhoben ist. Und sie werden Risiken für das Image des Unternehmens mit sich bringen. Bislang war das Risiko einer PR-Schlacht vor der Klage nur gering, weil Aktionäre über Anzeigen oder Anlegervereinigungen erst mal zueinander finden mussten - was in der Praxis nicht geschah.

Schon in diesem frühen Stadium also sollten Vorstände PR für ihr Unternehmen machen, wenn Sie sich nicht von Anlegern und Medien in die Defensive zwingen lassen wollen. Das Mannesmann-Verfahren hat gezeigt, wie schwer es ist, Prozess-Management vor Gericht und in der Öffentlichkeit gleichzeitig und mit gleichem Erfolg zu betreiben.

Viele Vorstände beruhigen sich stattdessen jetzt noch mit der guten Nachricht des UMAG: Die in den USA entwickelte Business Judgement Rule wird ins deutsche Aktienrecht übernommen. Damit bekommen deutsche Vorstände einen großzügigen Haftungsfreiraum für unternehmerische Entscheidungen: Statt für jeden Fall einfacher Fahrlässigkeit haften sie künftig nur noch bei grober Fahrlässigkeit oder Vorsatz: Wenn sie bei ihren unternehmerischen Entscheidungen annehmen durften, dass sie auf der Grundlage angemessener Informationen zum Wohle der Gesellschaft handeln.

Doch diese Beruhigungspille hat nur begrenzte Wirkung: Im Ergebnis dürfte es mehr Klagen geben als bisher. Die werden zwar noch seltener als bisher Erfolg haben, aber es werden mehr Unternehmensimages beschädigt werden und die Klageabwehr ist teuer. Der Bundesverband der Deutschen Industrie hat deshalb auch schon aufmerksam gemacht auf die nächsten Prämienerhöhungen der D&O-Versicherer für die Vorstands-Haftungspolicen. Die Versicherer dürften dabei vor allem die Verfahrenskosten im Blick haben, unabhängig von etwaigen Schadensersatzverpflichtungen nach einem verlorenen Prozess. Schon heute hat Deutschland laut Allianz eine im internationalen Vergleich überdurchschnittliche Schadenshäufigkeit - mit einem Schadensfall auf zehn Managerhaftungs-Policen.

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