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Deutliche Kritik an Berlusconi

Die Europäische Union (EU) hat sich von Äußerungen des italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi distanziert, der von einer Überlegenheit der westlichen Zivilisation gegenüber der islamischen Welt gesprochen hatte.

rtr BRÜSSEL. Der belgische Ministerpräsident und EU-Ratspräsident, Guy Verhofstadt, sagte am Donnerstag vor Reportern in Brüssel: "Ich kann kaum glauben, dass Herr Berlusconi sich so geäußert hat". Denn die EU gründe sich auf ein Wertesystem, das sich gerade im Zusammenspiel mehrerer Kulturen widerspiegele. Die Äußerungen Berlusconis seien geeignet, in der moslemischen Welt als Demütigung empfunden zu werden. Verhofstadt wies darauf hin, dass die Worte Berlusconis die Bemühungen der USA erschweren könnten, eine breite Koalition gegen den Terrorismus zu schmieden.

Auch EU-Kommissionspräsident Romano Prodi kritisierte die Äußerungen seines Landsmannes Berlusconi. "Es ist klar, dass wir in Europa die Zusammenarbeit und Gleichheit zwischen verschiedenen (religiösen und ethnischen) Gruppen pflegen", sagte Prodi, der zuvor in Brüssel demonstrativ eine Moschee besucht hatte. Prodi und Verhofstadt wollten noch im Laufe des Tages US-Präsident George W. Bush über Maßnahmen Europas im Kampf gegen Terrorismus informieren.

Der belgische Außenminister Louis Michel sagte, falls Berlusconi sich tatsächlich so geäußert haben sollte, seien seine Worte nicht akzeptabel und stünden nicht im Einklang mit europäischen Werten. Auch der für Außenbeziehungen zuständige EU-Kommissar Chris Patten wies die Äußerungen Berlusconis zurück. In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, dass der Holocaust nicht von der moslemischen Welt verübt worden sei, fügte Patten hinzu.

Auch der österreichische Rechtspopulist Jörg Haider (FPÖ) wies die Äußerungen Berlusconis zurück. "Der Islam und die Welt des Islams haben die gleiche Wertigkeit wie die westliche Zivilisation, und jeder Bürger muss für sich entscheiden, nach welchen Prinzipien und in welcher Lebenswelt er seine Erfüllung finden will", sagte Haider.

Berlusconi hatte am Mittwoch bei einem Besuch in Berlin vor Journalisten gesagt, der Westen solle sich der Überlegenheit seiner Zivilisation bewusst sein, die den Respekt der Menschenrechte und der Religion garantiere. Diesen Respekt gebe es in den moslemischen Ländern gewiss nicht.

Die islamische Welt reagiert darauf mit Empörung. Die türkische Tageszeitung "Hürriyet" nannte Berlusconis Äußerung einen "unglaublichen Fehltritt". Die islamistische türkische Zeitung "Akit" bezeichnete den italienischen Ministerpräsidenten als "neuen Mussolini". Der marokkanische Parlamentarier und Vorsitzende der Islamischen Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung, Mustapha Ramid, sagte: "Wenn Berlusconi als Staatsmann solche Formulierungen benutzt, bedeutet es, dass er die Öffentlichkeit auf einen Kampf der Zivilisationen vorbereiten will." Der katarische Regierungsbeamte Chalid el Kuwari sagte, die Äußerungen Berlusconis stellten einen Angriff auf den Islam dar. Dadurch könne eine Konfrontation zwischen der moslemischen und der nicht-moslemischen Welt ausgelöst werden.

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