Deutliche Worte an Teamkollegen
Wenn der neue Leitwolf schwächelt

Michael Ballack übernimmt in der Nationalelf Verantwortung - doch wehe, wenn er einen schlechten Tag hat. Das Schottland-Spiel hat einmal mehr gezeigt, dass die Völler-Elf in der Breite die Führungsspieler fehlen. Das moniert auch Ballack.

GLASGOW. Berti Vogts? Statement kam gewohnt überraschend. "Ich bin sehr froh, dass Sebastian Deisler bei den Deutschen fehlt und auch Didi Hamann", hatte der schottische Trainer im britischen Fernsehen vor dem Match des Jahres verraten, das schließlich am Samstag mit einem für Vogts beinahe triumphalen 1:1 endete. Während die Fußball-Fans auf der Insel Dietmar Hamann als Spieler des FC Liverpool bestens kennen, werden sie sich wahrscheinlich gefragt haben, wer denn dieser Deisler ist. Und ob dessen Ausfall in der EM-Qualifikationspartie für den Vize-Weltmeister Deutschland wirklich so bedeutsam ist, oder ob das nicht wieder eine dieser etwas verschrobenen Antworten ist, die Vogts dann und wann von sich gibt.

Doch Vogts, der ja "die Stärken der Deutschen kennt", hatte seine "Ausrichtung auf das Spiel schon vor zwei Monaten begonnen". Ein Masterplan also. Der war ganz einfach: Da Hamann und der bayrische Patient Deisler fehlten, brauchte man nur dem einzigen deutschen Feldspieler von Weltformat, Michael Ballack, so viele Leute auf die Füße zu stellen, dass dem die Lust am Fußball vergeht. Aus schottischer Perspektive um so besser, dass Ballack durch eine Muskelverhärtung angeschlagen war.

Denn während die Abwehr auch für Teamchef Rudi Völler der beste Mannschaftsteil war, passte in der Offensive bei den Deutschen erschreckend wenig zusammen. Ballack habe sicher kein gutes Spiel gemacht, "doch wenn der Gegner einen Spieler so zudeckt, dann müssen die anderen die Löcher nutzen", so Völler. Die haben sich allerdings eher von der großartigen Stimmung der 48 000 Zuschauer im Hampden Park verunsichern lassen, anstatt Fußball im Wortsinne zu spielen.

Ballack griff daher am Pfingstsonntag seine Mitspieler massiv an. "Es fehlten ein paar Persönlichkeiten auf dem Platz, es war zu ruhig." Es könne nicht sein, dass Deutschland nur von einem oder zwei Spielern abhänge. Der Münchner nannte keine Namen, doch war klar, dass er vor allem seine Kollegen im Mittelfeld meinte: Bernd Schneider, Thorsten Frings und Jens Jeremies. Den Ausgleichstreffer von Kenny Miller "haben wir ja fast selbst geschossen. Wir haben die Schotten ja eingeladen", sagte er zu dem schnell ausgeführten Freistoß in der 69. Minute, bei dem die Abwehr einen Moment lang schlief und den Schotten das viel umjubelte 1:1 ermöglichte.

Überraschend deutliche Worte von einem, der bislang öffentlich kein schlechtes Wort über seine Mitspieler verlor. Doch scheint die Schelte der logische Fortgang eines Prozesses: In dem Maße, in dem Oliver Kahn mit seinem Privatleben genug zu tun hat und offenbar den Leitwolf weniger geben kann oder will, rückt Ballack für ihn nach, auf und neben dem Spielfeld. Bei der WM 2002 war er zwar schon auf dem Feld der beste Mann, aber für eine echte Führungsperson noch zu zurückhaltend und konfliktscheu. Da gab es nur einen, den "King Kahn". Doch der Torwart und Kapitän - den die britischen Medien oft "Khan" schreiben, verdrückte sich direkt nach dem Schottland-Spiel durch die Hintertür, während Ballack den Medienvertretern ausführlich Auskunft gab. Gestern schob Kahn nach, auch ihm sei es lieber, mehrere Spieler würden sich die Verantwortung teilen. Am Samstag aber hatte sich das Team der Tagesform eines einzelnen Spielers ausgeliefert. "Bundesrepublik Ballack", schrieb die "Berliner Zeitung" in einem ähnlichen Fall.

Und weil Ballack sich schon mal in Rage geredet hatte, holte er gleich noch zu einem Seitenhieb in Richtung Berti Vogts aus. Seit dessen 168-Tage-Gastspiel als Trainer von Bayer Leverkusen gilt das Verhältnis der beiden als nachhaltig getrübt. "Die Schotten waren das schlechteste Team, gegen das wir in der letzten Zeit gespielt haben", meinte Ballack. Leider hätte sich das deutsche Team ihrem Niveau angepasst. "Und das zeigt, wie schlecht wir selbst waren."

Die Nervosität im deutschen Lager jedenfalls ist nach dem enttäuschenden Match deutlich gestiegen. "Nun müssen wir unbedingt auf den Färöer Inseln gewinnen", so Völler. Doch während Deutschlands Torschütze Fredi Bobic noch meinte, "die hauen wir weg", ist Ballack skeptischer: "Das wird schwerer als das Spiel in Glasgow. Denn die haben ein ähnliche Mannschaft wie die Schotten, nur sind die Umstände im und um das Stadion dort noch schwieriger." Thorsten Frings muss morgen (20.45 Uhr) wegen seiner zweiten gelben Karte aussetzen und fuhr schon in den Urlaub. "Das ist auch besser so, schließlich ist der Thorsten ja eher ein lockerer und witziger Typ", sagte Völler ernsthaft. Mit anderen Worten: Zum Glück reißt keiner mehr vor dem letzten Saisonspiel Witze. Humor ist nach der dürftigen Leistung in Schottland offenbar fehl am Platz. Völlers zweite Hoffnung: "Am Mittwoch sind weniger Zuschauer im Stadion."

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