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Deutsch? Nej Tack!

Neidisch schaue ich oft zu meinen Kollegen aus dem englischsprachigen Ausland: Für sie ist der Korrespondentenjob in Schweden und den übrigen nordischen Ländern ein Heimspiel.

Neidisch schaue ich oft zu meinen Kollegen aus dem englischsprachigen Ausland: Für sie ist der Korrespondentenjob in Schweden und den übrigen nordischen Ländern ein Heimspiel. Mit Deutsch ist hier kein Blumentopf zu gewinnen.
Pressekonferenzen von größeren Unternehmen, ja selbst von einigen Ministerien finden in Helsinki oder Stockholm schon seit langem auf Englisch statt. Und selbst im Supermarkt, am Zeitungsstand oder im Taxi sollte man sich als Ausländer hüten: Ein zögerlich eingeworfenes "do you speak english" wird fast als Beleidigung verstanden.
Und wenn ich dann höre, mit welcher Inbrunst das "r" so rrrichtig amerikanisch rrrrüber kommt, werde ich den Eindruck nicht los, viele der sonst oftmals recht rrrreservierten Schweden blühen richtig auf. Nun, die exzellenten EnglischKenntnisse kommen nicht von ungefähr: Weil nur knapp neun Millionen Einwohner, rechnet es sich einfach nicht, jeden Film zu synchronisieren. Deshalb laufen im Fernsehen, egal ob öffentlichrechtlich oder kommerziell, alle Filme in ihrer Orginalsprache mit Untertiteln. Kinder wachsen also bereits mit einer Fremdsprache auf.
Wieso sie dann nicht fast perfekt deutsch sprechen Genau 1230 Filme und Programme, die im schwedischen Fernsehen vergangenes Jahr gezeigt wurden, kamen aus den USA und Großbritannien. Aus Deutschland importierten alle schwedischen TVSender in diesem Zeitraum ganze 53 Filme und Programme!
Da mag man in Deutschland viel über die neuen Filmerfolge fabulieren, nur: In Schweden und den meisten anderen nordeuropäischen Ländern kommen die Streifen nicht an. Nach Fassbinder ist das Interesse am deutschen Film nahezu auf den Nullpunkt gesunken. Wenn "Der Untergang" dann doch den Weg in den hohen Norden gefunden hat, wird er in einem kleinen Programmkino gezeigt, von der Kritik völlig zerrissen und schnell wieder vom Spielplan genommen.
Es liegt vermutlich gar nicht an den Filmen, es ist die Sprache, die den meisten Schweden mächtig Stress bereitet. Das ist nun auch amtlich: Schweden sagt "Nej tack" zur deutschen Sprache. Immer weniger Studenten, so klagten jetzt Hochschulprofessoren, würden an der Uni Deutsch studieren. Und: Bald werde man selbst an den beiden renommiertesten Universitäten des Landes, in Lund und Uppsala, mangels Interesses gar kein Deutsch mehr anbieten können.
Merkwürdig. Denn Deutschland ist weiterhin der mit Abstand wichtigste Handelspartner, ist das Land, das den größten kulturellen Einfluss auf Schweden gehabt hat. Doch die Sprache der Dichter und Denker ist einfach out im hohen Norden. Das GoetheInstitut kämpft tapfer gegen ein Umfeld, über das der schwedische Kulturjournalist Per Landin kürzlich schrieb: "Eingeschlossen in einer sprachlichen und kulturellen Isolation und dem angloamerikanischen Nachrichtenfluss ausgeliefert, werden wir in eine Art amerikanisierte DDR verwandelt".
Wie schön, dass wenigstens die Nachbarn meinen deutschen Akzent weiterhin höchst amüsant finden. Jedes Mal, wenn ich morgens fröhlich grüße, ist das Schmunzeln auf ihren Gesichtern unübersehbar. Vermutlich denken sie in diesem Augenblick an eine ComedySerie im schwedischen Fernsehen, die unter dem Titel "Werrrner & Werrrner" vor einigen Jahren große Erfolge feierte. Zwei Köche imitierten deutsche Kollegen, besonderes Kennzeichen war das trockene 'r', dass die deutsche Sprache nach schwedischer Wahrnehmung auszeichnet.
Und das rrrollende schwedische 'r' bleibt einem NichtBayern wohl für ewig verschlossen. Obwohl grammatikalisch einigermaßen regelfest, kommt es nicht selten vor, dass mich ein Schwede direkt nach meinem ersten Satz und in völliger Unkenntnis meiner nationalen Herkunft fragt, aus welcher Gegend in Deutschland ich denn komme......


Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
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