Deutsche Auftritt gegen Kroatien
Absturz in die Realität

Kroatien war die erste ernsthafte Hürde für die DFB-Elf. Kein ganz großer Gegner, aber eine gute, intelligente Mannschaft mit einem klugen Trainer. Und auf einmal sahen die Deutschen wieder so aus wie bei den letzten zwei Europameisterschaften, als sie kein Spiel gewannen. Die Realität ist, dass sich trotz Laptops und Jugendstil so viel nicht geändert hat.
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Gemütlich wirkte die Lage im deutschen Trainingscamp am Lago Maggiore, jeder erdenkliche Luxus, jedes erdenkliche technische Hilfsmittel, Harmonie im Team und eine servile Öffentlichkeit, die nur zu bereitwillig an die stolz verkündeten Titelambitionen glaubte. Bis gestern mit Kroatien die erste ernsthafte Hürde kam. Kein ganz großer Gegner, aber eine gute, intelligente Mannschaft mit einem klugen Trainer. Und auf einmal sahen die Deutschen wieder so aus wie bei den letzten zwei Europameisterschaften, als sie kein Spiel gewannen. Einfallslos, hölzern, vorgeführt.

Die Nationalelf hat in den letzten Jahren vor allem über die Euphorie funktioniert. Sie hat es perfektioniert, schwächere Mannschaften zu dominieren, aber sie hat sich den wirklichen Gegnern entzogen. Ein einziges Mal in der Amtszeit von Joachim Löw wurde gegen eine große Mannschaft getestet - so man England noch als solche bezeichnen will. Die Realität ist, dass sich trotz Laptops und Jugendstil so viel nicht geändert hat. Dank des Heimvorteils spielte man bei der WM 2006 immerhin auf Augenhöhe. Aber nimmt man den Sieg gegen Argentinien (Elfmeterschießen) beiseite, hat Deutschland seit der EM 1996 keinen großen Gegner mehr geschlagen, wenn es tatsächlich zählte.

Jetzt warten im besten Falle, so gegen Österreich nicht verloren wird, im Viertelfinale die starken Portugiesen. Viel Zeit bleibt nicht, sich an das dann erforderliche Niveau zu gewöhnen - und die offensichtlichen Schwachstellen im Team zu beheben. In der Abwehr genügt zumindest Marcell Jansen nicht den Ansprüchen, die Kreativzone ist nach dem Ausfall von Bernd Schneider verwaist, während bei Klose und Gomez nur die Hoffnung hilft, sie mögen noch zu ihrer Form finden. Denn solange die Alternativen wie gestern David Odonkor und Kevin Kuranyi heißen, stellen sie sich von selbst auf.

Insgesamt fehlt der Mannschaft genau jene "Wenn-dann"-Strategie, von der Joachim Löw so gern spricht. Wenn ein Gegner - wie Kroatien - stärker agiert als erwartet und das Spiel einen unfreundlichen Verlauf nimmt, dann fehlen Selbstvertrauen und Spielintelligenz, um den Zugang zu ändern. Viele Spieler haben in den letzten Monaten gelobt, wie viel sie bei der Nationalmannschaft gelernt haben. Auf dem Platz variabel zu handeln gehört offenbar nicht dazu.

Einige Spieler zeigten sich gestern uneinsichtig. Eine Niederlage, na und? Trotzig sprachen sie davon, dass sie ihre Qualität ja schon oft genug bewiesen hätten. Etwas mehr Demut würde da vielleicht ganz guttun. Denn nur wer sie hat, kann wirklich besser werden. Und die Titelträume vielleicht doch noch einmal nähren.

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