Deutsche Bahn
Analyse: ICE „Grüne Banane“

Einmal mehr hat die Deutsche Bahn mit technischen Problemen zu kämpfen.

Der Spruch war gut, brachte er das neue Angebot doch auf den Punkt: "Die Bahn schenkt Ihnen ein Stunde" - so verkündete stolz das Staatsunternehmen Deutsche Bahn im letzten Sommer, als die neue Hochgeschwindigkeitsstrecke von Köln in den Rhein- Main-Raum fertig gestellt war. Nur noch eineinviertel statt vorher zweieinviertel Stunden dauert seitdem die Bahnreise vom Kölner Dom bis in den Frankfurter Hauptbahnhof. Laut Fahrplan wenigstens. Und der stimmt längst nicht immer.

Der plausible Spruch ist längst wieder in der Schublade verschwunden, denn fast täglich zahlen zwar Fahrgäste den um rund 12 Euro teureren Preis für Tempo 300 und Zeitgewinn, doch am Ende war es nichts mit dem Geschenk. Ausgerechnet das neue Paradepferd ICE 3 entpuppte sich als lahme Ente. Der neue Superzug erweist sich im anspruchsvollen Betrieb auf der Berg-und-Talbahn durch Westerwald und Taunus als extrem störungsanfällig. Täglich fallen Züge aus, andere sind schon vorsorglich gestrichen: Statt am Bahnsteig warten sie in der Werkstatt auf eine bessere Zukunft.

Die mit Erfolgsmeldungen in der letzten Zeit nicht gerade reich gesegnete Bahn AG ist um eine Superpleite reicher. Doch auch wenn die Probleme mit dem ICE 3 besonders spektakulär sind, so steht sein Fall nur in einer Reihe mit all jenen Pannen, die parallel und schon in früheren Jahren überall in den Regionen für massiven Ärger sorgten und noch sorgen. Denn viele der Nahverkehrstriebwagen, die nach der Bahnreform 1994 geordert wurden, erfüllen ihren Dienst alles andere als hundertprozentig.

Die Bahnindustrie ist offensichtlich nicht in der Lage, neue Fahrzeuge zu liefern, die vom ersten Tag an klaglos und zuverlässig ihren Dienst versehen. Das mag auf den ersten Blick wie eine Bankrotterklärung eines ganzen Industriezweiges erscheinen, doch das ist es nicht. Die ärgerlichen Pleiten sind eine ziemlich direkte Folge der Bahnreform. Zu alten Bundesbahn-Zeiten war es üblich, dass die Behörde Bahn ihre Fahrzeuge selbst entwickelte, von der Industrie nach präzisen Vorgaben bauen ließ und dann ausgiebig erprobte.

Das kann sich ein Verkehrsunternehmen, das im Wettbewerb bestehen will, nicht erlauben. Also gab die neue Deutsche Bahn bei ihren Aufträgen nur noch ganz pauschal vor, was für Fahrzeuge sie gerne einsetzen wollte. Das erwies sich als blauäugig. Die Industrie fing zwar an zu konstruieren. Doch ihr fehlt wesentliches Know-how: die Erfahrungen des Betreibers im täglichen Betrieb. Nur die Bahnen wissen in aller Regel, wie ihr Fahrzeugpark die alltäglichen Belastungen übersteht, wo es Schwachstellen gibt, wo Probleme. Und so wurden in den letzten Jahren Fahrzeuge geliefert, die eben nicht tauglich waren für den Betriebsalltag - von den schon berüchtigten Neigetechnikzügen der Reihe VT 611 bis jetzt zum ICE 3. "Grüne Bananen" nennen Eisenbahner diese - weil sie erst im Betriebsalltag reifen.

Inzwischen haben Bahn und Industrie das Manko erkannt. Ein umfangreicher Know-how-Transfer und eine intensive Zusammenarbeit bei Forschung und Entwicklung sollen solche Pleiten künftig verhindern. Nur, das kommt reichlich spät: In den zehn Jahren seit der Bahnreform sind Hunderte neuer Fahrzeuge beschafft worden. Die werden den Technikern noch jahrelang Freude bereiten.

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