Deutsche Bahn: Schwierigkeiten beim Online-Verkauf von Fahrkarten
Mit Verspätung ins Internet

Wer auf seinen Zug wartet, blickt auf graue Betonwände und wird von den niedrigen Dächern über den Bahnsteigen fast erdrückt - der Essener Hauptbahnhof ist wahrlich keine Schönheit. Nur hinter Gleis 1 gibt es seit kurzem ein wenig Farbe: In großen roten Lettern klebt auf den Fensterscheiben des Verwaltungsgebäudes der Schriftzug "www.bahn.de" - Werbung für die neugestalteten Internet-Seiten der Deutschen Bahn. Mit ihnen will das Staatsunternehmen auch Farbe in die eigene Bilanz bringen. Schwarze Farbe, versteht sich.

Bislang macht der Konzern im Netz nur ein mageres Geschäft: Zwar gehörte die Web-Seite des Unternehmens mit über 60 Millionen Seitenaufrufen im April zu den meistbesuchten in Deutschland, der Online-Umsatz der Bahn betrug im vergangenen Jahr aber gerade einmal 40 Mill. DM.

Das soll in Zukunft anders werden. Möglichst viele Kunden, so die Vision, sollen sich ihr Ticket künftig daheim selbst ausdrucken. So will Bahn-Vertriebsleiter Jürgen Büchy die Vertriebskosten senken. Auf eine Zahl als Zielvorgabe mag er sich öffentlich nicht festlegen - schließlich ist ein schneller Erfolg des Projekts unwahrscheinlich. Denn die Bahn hat mit allerhand technischen Problemen zu kämpfen.

Inkompatibel: Bestell-Software und Fahrkarten-Verkaufssystem

Bislang ist es den Programmierern nicht einmal gelungen, die Internet-Bestell-Software mit dem betagten Fahrkarten-Verkaufssystem zu koppeln. "Die Software, die wir brauchen, gibt es nicht von der Stange", erklärt Reinhold Pohl, E-Commerce-Chef für den Personenverkehr.

Wenn ein Kunde heute eine Fahrkarte im Internet ordert, ist daher Handarbeit gefragt. Wie am Bahnhofs-Schalter druckt ein Bahn-Mitarbeiter das Ticket manuell aus und schickt es dem Kunden per Post zu. Damit die Fahrkarte rechtzeitig ankommt, muss der Kunde sie deshalb mindestens drei Tage im voraus bestellen.

Nur bei den so genannten Surf-and-Rail-Fahrkarten können sich die Kunden schon heute die Billets am eigenen Computer ausdrucken. Diese Prozedur funktioniert aber nur für 66 Städteverbindungen und hat einige Tücken: Mindestens eine Woche vor der Fahrt muss man das Ticket kaufen - und es gilt nur in einem bestimmten Zug in Verbindung mit einer Sitzplatzreservierung. Für alle anderen Verbindungen ist der Fahrschein wertlos, wer den gebuchten Zug verpasst, hat Pech gehabt - so will sich die Bahn vor Schwarzfahrern schützen. Grund: Die Surf-and-Rail-Karten sind nicht fälschungssicher, sie lassen sich problemlos mehrmals ausdrucken. Würden sie wie herkömmliche Fahrscheine für einen beliebigen Zug gelten, hätten Betrüger leichtes Spiel.

Tüfteln am fälschungssicheren System

E-Commerce-Chef Pohl tüftelt mit seinen 55 Mitarbeitern in Frankfurt an einem fälschungssicheren System. Ende des Jahres will er es in einem Pilotversuch mit Siemens testen: Der Münchner Konzern wird dann die Bahn-Fahrkarten für seine Mitarbeiter selbst ausdrucken. Die neuartigen Billets erhalten eine Zahlenkombination, mit dem die Schaffner die Echtheit prüfen können: Dazu tippen sie den Code in ihren tragbaren Computer ein und vergleichen ihn mit den Daten auf einer Kundenkarte.

Nach dem Test mit den Siemens-Mitarbeitern will die Bahn das neue System auch für Privatkunden mit Bahncard einführen. "Das schaffen wir bis Frühjahr kommenden Jahres", gibt sich E-Commerce-Chef Pohl optimistisch. Möglichst schnell sollen die fälschungssicheren Fahrkarten zum Ausdrucken dann auch für andere Fahrgäste verfügbar sein.

Die Bahngewerkschaft Transnet sieht die Sache skeptisch: "Im Moment sind die Preise noch viel zu kompliziert, als dass Kunden in großer Zahl im Internet Fahrscheine kaufen würden", meint Transnet-Sprecher Hubert Kummer. "Die Fahrgäste brauchen Beratung - und die gibt es nur am Schalter, nicht im Internet." Erst, wenn die Bahn ihr Preissystem ändere, könne der Fahrkartenverkaufs im Netz erfolgreich sein - und neue Tarife sind erst für die zweite Hälfte des Jahres 2002 geplant.

Bahn.de: Statt Fahrkarten gibt's Flüge, Mietwagen etc.

Solange der Online-Verkauf der eigenen Produkte noch nicht richtig läuft, will die Bahn im Netz auf andere Weise Umsatz generieren. Seit April bietet sie auf ihrer Internet-Seite auch Flüge, Mietwagen, Hotelzimmer, Konzertkarten und Last-Minute-Reisen feil.

Bei diesen Geschäften ist die Bahn lediglich Vermittler und hat mit der Abwicklung nichts zu tun. Das ist Sache der Partner, darunter Reiseveranstalter wie TUI, Neckermann und Dertour und der Autovermieter Avis - sie alle hoffen darauf, von der Bekanntheit der Seite profitieren. Die Bahn kassiert bei jedem Online-Kauf eine Provision, ähnlich wie ein Reisebüro. "Zu unserem Kerngeschäft gehört das zwar nicht, aber wir wären schlecht beraten, wenn wir darauf verzichten würden", sagt E-Commerce-Chef Pohl.

Die neuen Angebote sollen wenigstens helfen, den Online-Umsatz der Deutschen Bahn zu steigern. Für das laufende Jahr peilt Pohl 80 Mill. DM an, im Vergleich zum Jahr 2000 immerhin eine Verdoppelung. Für frische Farbe in der Bilanz der Bahn wird das aber längst noch nicht reichen.

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