Deutsche-Bank-Chefvolkswirt fordert von den Anlegern mehr Mut
Norbert Walter: "Guter Zeitpunkt für strategische Aktien-Anlage"

"Die Aktienkurse befinden sich heute auf einem interessanten Einstiegsniveau", meint Norbert Walter, Chefökonom der Deutschen Bank, zum Einstieg in Aktien. Zwar könne niemand konkret sagen, an welchem Punkt die Talfahrt der Aktienkurse beendet werde, doch spreche das Chance/Risiko-Profil auf derzeitigem Niveau eindeutig für die Kapitalanlage in Aktien. "Ich wünschte mir mehr strategisch denkende und agierende Kapitalanleger", sagt Walter in einem Gespräch mit dem Handelsblatt.

FRANKFURT/M. Kapitalanleger hätten während der Hyper-Hausse Ende des vergangenen Jahrtausends auf der Kaufseite ohne jegliches Augenmaß gehandelt. Sie würden das richtige Maß auch während der derzeitigen Baisse vermissen lassen. Die Wende an den Aktienbörsen werde mit recht großer Wahrscheinlichkeit noch in diesem Jahr kommen. Diese Chance sollten Anleger nutzen.

Für die von verschiedenen Seiten verbreitete Angst vor einer tiefen weltweiten Rezession gibt es nach Ansicht von Walter keine Anzeichen. Die wichtigen makroökomischen Daten würden vielmehr die These stützen, wonach die Weltwirtschaft sowohl in diesem als auch im kommenden Jahr auf stabilem Wachstumskurs bleibe. Europa werde in diesem Jahr stärker wachsen als die USA - für das kommende Jahr sei im Wachstum der beiden Regionen mit einem Gleichschritt (je plus 3 %)zu rechnen. Ein solches Wachstum sei jedoch nur in einem "Schönwetter-Szenario"erreichbar.

Doch selbst wenn Japan als dritte Säule der ökonomischen Triade noch größere Probleme haben sollte, rechnet der Ökonom für 2002 noch mit einem globalen Wirtschaftswachstum von 2,5%. "Meine eigentliche Sorge gilt Japan", sagt der Ökonom. Japan sei längst nicht mehr die treibende und gestaltende Kraft im Fernen Osten. Die Gesundung der japanischen Wirtschaft werde noch mehrere Jahre dauern.

Europa befinde sich zu Beginn des neuen Millenniums in einer weit besseren Verfassung als in den Dekaden zuvor. Die zweite Säule der ökonomischen Triade sei durch einen starken Reformschub gestärkt worden. Deutschland und Italien bezeichnete Walter als die beiden Schlusslichter im europäischen Reformprozess.

"Niemand kann wirklich ernsthaft gegen die Osterweiterung der EU sein", spricht der Ökonom Klartext. Sie werde zweifellos einen Wachstumsschub bewirken: "Mittel- und Osteuropa in die EU zu integrieren, heißt, die nächste Stufe der Wachstumsrakete zu zünden."

Walter rät den großen Finanzinstituten in aller Welt zur Beseitigung eines großen Missverständnisses. "Deutschland ist nicht Europa", sagt er. In der Welt werde Europa allerdings noch immer mit Deutschland gleichgesetzt. So werde zum Beispiel dem Ifo-Index wesentlich mehr Beachtung geschenkt, als Konjunkturprognosen von Ökonomen, in denen das Wachstumspotential der gesamten Euro-Zone aufgezeigt werde. Da die deutschen Konjunkturdaten optisch derzeit nicht gerade sonderlich attraktiv seien, komme Europa bei ökonomischen und anlagepolitischen Betrachtungen schlecht weg: "Unverdientermaßen", betont Norbert Walter. "Wir tun uns schwer, die Welt für gemeinsame Zahlen aus dem Euro-Land zu interessieren," sagt er, und fordert eine Abkehr von nationalen Betrachtungen. "Die EZBsollte bei ihrer Analyse verstärkt Euro- Land-Indizes nutzen.".

Die Fehlinterpretationen über den Status quo der Euro-Ökonomie seien auch ein Grund dafür, dass der Euro in der Welt derzeit noch immer negativ gesehen werde. Er sei überrascht, dass sich die Angleichung des Wachstums und der Zinssätze zwischen Europa und den USAnicht rascher in einer Aufwertung des Euro niedergeschlagen habe. Aus seiner Sicht spreche nach wie vor einiges dafür, dass sich der Euro gegenüber dem US-Dollar über kurz oder lang der Parität annähere.

Die in den vergangenen Jahren sehr stark auf Aktien konzentrierten Kapitalanleger sollten indes unter dem Aspekt der Risiko-Diversifizierung nicht vergessen, dass es in der Vermögensanlage auch andere sehr interessante Asset-Klassen gebe. Walter erinnert in diesem Zusammenhang daran, dass einige Immobilienmärkte nach einer langen Talfahrt inzwischen ein durchaus interessantes Einstiegsniveau erreicht haben. Dies gelte zum Beispiel auch für den deutschen Immobilienmarkt.

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