Deutsche Bank in Ertragsnot
Kommentar: Keine heile Welt

Er hat alles versucht. Rolf-E. Breuer, der noch bis zum 22. Mai amtierende Chef der Deutschen Bank, hat alle Register seines beneidenswerten Verkäufer-Talents gezogen, um die neue Führungsstruktur klein und das miserable Ergebnis des letzten Geschäftsjahres schönzureden.

Doch nicht einmal Breuers Charme reichte aus, um den Blick auf die real existierende Tristesse im führenden Geldinstitut Deutschlands zu vernebeln. Die bittere Wahrheit lautet: Am Ende seiner sechsjährigen Amtszeit als Vorstandssprecher übergibt Breuer seinem Nachfolger Josef Ackermann eine Bank, die - nicht nur auf Grund der scharfen amerikanischen Bilanzierungsregeln - eine erschreckende Ertragsschwäche offenbart.

Ein Unternehmen zudem, das nun zum x-ten Mal binnen weniger Jahre die Organisationsstruktur an der Spitze umkrempelt und damit eine Menge Unruhe in- und außerhalb der eigenen Wände in Kauf nimmt. Wieso die Zwei-Säulen-Struktur, die Breuer erst vor einem Jahr aus dem Zylinder gezaubert hatte, jetzt schon überholt sein soll, konnte gestern niemand schlüssig erklären. Geht es etwa bei dem neuen Modell doch nur darum, dem ehrgeizigen Nachfolger eine außergewöhnlich starke Position auf den Leib zu schneidern?

Breuer und Ackermann haben natürlich Recht mit dem Argument, dass die Deutsche Bank effizienter, also kostengünstiger werden muss, dass die Profitabilität und dann auch der Aktienkurs steigen muss. Dieses Versprechen hören vor allem die Aktionäre gerne; der gestrige Empfang an der Börse war denn auch durchaus freundlich. Ob aber die neue Führungsstruktur die Reise in diese Richtung tatsächlich beschleunigen kann, müssen die beiden Architekten des Strukturwandels erst noch beweisen. Am Aktienkurs wird sich künftig ablesen lassen, ob die neue Struktur besser oder schlechter ist als die alte. Mit dem alten Modell hatte die Notierung der Deutschen Bank immerhin die 100-Euro-Schwelle übertroffen - das muss die neue Führungscrew erst einmal nachmachen. Gestern kostete die Aktie 72 Euro.

Rosig sind die Aussichten keineswegs. Schnelle Erfolge, die die Marktkapitalisierung rasch anheben könnten, darf niemand erwarten. Wunder kann auch Ackermann, trotz der ungewöhnlichen Machtballung in seinen Händen, nicht vollbringen. Was zu tun ist, liegt auf der Hand: die Zahl der Mitarbeiter und Zweigstellen, die das Bankgeschäft in Deutschland vergleichsweise teuer machen, muss soweit reduziert werden, wie es ohne Verzicht auf Kundennähe vertretbar ist. Das Privatkundengeschäft muss endlich einen nennenswerten Gewinn erwirtschaften. Nicht minder wichtig ist für die Deutsche Bank, dass sich die Konjunktur und damit auch die Börse wieder erholt, dass wieder Börsengänge stattfinden, dass wieder mehr gehandelt und fusioniert wird. Erst wenn sich das Umfeld verbessert, kann Ackermann hoffen, dass die Gewinne wieder sprudeln.

Der neue starke Mann an der Spitze der Deutschen Bank braucht aber nicht nur Führungsstärke und eine Portion Glück, damit das Reorganisationsprogramm ein Erfolg wird. Um Mitarbeiter und Kunden auf dem Heimatmarkt für sich zu gewinnen, sollte Ackermann auch rasch klären, was das gestrige Bekenntnis zum Finanzplatz Frankfurt wirklich wert ist. Die Verwurzelung im deutschen Markt, auf dem der Branchenprimus in der Vergangenheit immer wieder die Trends gesetzt hat, wurde gestern von Breuer als Standortvorteil gerühmt. Die umfangreiche Geschäftsverlagerung ins Ausland, wie sie Kritiker befürchtet hatten, scheint damit vom Tisch zu sein. Vorerst zumindest - aber auch in dieser Frage könnten Wunsch und Wirklichkeit mehr oder weniger weit auseinander liegen.

Hermann-Josef Knipper
Hermann-Josef Knipper
Handelsblatt
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%