Deutsche Bank
Kommentar: Stunde der Wahrheit

Als der Schweizer Josef Ackermann Ende Mai den Chefposten der Deutschen Bank von Rolf-E. Breuer übernahm, wusste er natürlich, dass sich die deutsche Kreditwirtschaft insgesamt und die führende deutsche Finanzgruppe selbst in einer schwierigen Phase befanden. Aber dass es so dick kommen würde und es womöglich bald noch schlimmer kommen könnte, ahnte Ackermann wohl nicht.

Denn wenn man den neuen Chef der Deutschen Bank an den hehren Zielen misst, die er im Frühling verkündete, dann hat er bislang kaum etwas erreicht. Das gestern vorgelegte, erstmals nur von Ackermann zu verantwortende Quartalsergebnis spricht Bände. Die Bank schreibt rote Zahlen, muss die Risikovorsorge vervierfachen und entlässt erheblich mehr Mitarbeiter als geplant. Der Aktienkurs dümpelt im Börsenkeller herum, weil die ehrgeizigen Rentabilitätsziele weiter entfernt sind als noch zu Breuers Zeiten. Die zweifellos vorhandenen Erfolge Ackermanns - drastische Kostensenkungen, der beschleunigte Abbau des Beteiligungsportfolios und die Stärkung der Kernkompetenzen - gehen in dem überraschend schlechten Quartalsabschluss fast unter.

Die Frage, ob die Flasche halb voll oder halb leer ist, ist angesichts der tief greifenden Branchenkrise unerheblich. Tatsache ist, dass nicht einmal eine grundsolide Institution wie die Deutsche Bank zurzeit Geld verdienen kann - trotz aller Innovationsfähigkeit und trotz des hohen Umstrukturierungstempos. Das Bankgeschäft in Deutschland ist derzeit ein Zuschussgeschäft - wegen der teuren Apparate, des nach wie vor üppigen Zweigstellennetzes und der sinkenden Bonität der Kunden. Hinzu kommt natürlich die Konjunktur- und Börsenflaute und damit der schmerzliche Abschied von den Boomzeiten in den Jahren 1999 und 2000, als die verwöhnte Finanzbranche buchstäblich im Geld geschwommen ist.

Die Blut-Schweiß-und-Tränen-Phase der deutschen Kreditwirtschaft ist noch längst nicht zu Ende. Auch das vierte Quartal dürfte tiefrote Zahlen bringen. Selbst der Deutschen Bank wird es nur mit weiteren Beteiligungsverkäufen gelingen, unter dem Strich noch mit einem bescheidenen Gewinn abzuschließen. Und nächstes Jahr wird es noch schwieriger werden, nennenswerte Erträge zu erwirtschaften, weil langsam alle stillen Reserven verbraucht sind: 2003 wird das Jahr der Wahrheit, wenn ohne Verkäufe des Tafelsilbers ein Gewinn erzielt werden muss, der internationalen Vergleichen standhält.

Ackermann hat also noch ein Riesenstück Arbeit vor sich. Auch in den Bereichen, die bisher nicht so im Fokus des Entschlackungsprozesses standen und deren Schwachpunkte gestern besonders deutlich wurden: Der Absturz des Investmentbankings und der Einbruch des Handelsergebnisses erfordern entschlossenes Gegensteuern.

Nachholbedarf hat die neue Führung der Deutschen Bank aber auch hinsichtlich der Öffentlichkeitsarbeit: Das Lancieren der Botschaft, das Quartalsergebnis berge keine schlechten Nachrichten für die Märkte, war der letzte Fauxpas einer insgesamt zu intransparenten Politik, die viele Missverständnisse an den Märkten provoziert hat. Mehr Ehrlichkeit und Offenheit im Umgang mit der Öffentlichkeit hätten womöglich auch dem Aktienkurs geholfen. Es sei denn, es gibt wirklich nur noch schlechte Nachrichten.

Hermann-Josef Knipper
Hermann-Josef Knipper
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