Deutsche Bank präsentiert neue Führungsstruktur
Fischers Abschied drückt den Börsenkurs

Am Donnerstag richten sich alle Augen in Frankfurt auf die Deutsche Bank: Noch-Vorstandssprecher Rolf-E. Breuer stellt das umstrittene neue Führungsmodell und die Bilanzzahlen für 2001 vor. Nach Einschätzung von Analysten muss der Branchenprimus auf Grund der anhaltenden Kapitalmarktschwäche mit einem Gewinnrückgang rechnen.

egl/hjk/po/vwd FRANKFURT/M. Der noch bis Mai amtierende Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Rolf-E. Breuer, will heute in Frankfurt das neue Führungsmodell des führenden europäischen Finanzdienstleisters vorstellen. Ein Vorstand, der bisher als einer der stärksten galt, gehört nicht mehr dazu: Thomas Fischer, bisher "Chief Operation Officer" (COO) und "Chief Risk Officer" (CRO), präsentierte gestern dem Aufsichtsrat wie erwartet seinen Rücktritt.

Als Grund nannte die Deutsche Bank Meinungsverschiedenheiten über die neue Führungsstruktur, die dem designierten Breuer-Nachfolger Josef Ackermann dem Vernehmen nach einen großen Machtzuwachs bringen soll. In und außerhalb der Bank löste der Rücktritt, der sich seit dem Wochenende abzeichnete, Bestürzung aus. Ein Top-Banker erklärte: "Das ist eine Katastrophe für den Finanzplatz." Fischer genießt nicht erst seit seiner aktiven Teilnahme an der Diskussion über die Erneuerung der Baseler Eigenkapitalregeln großen Ansehen in der Finanzbranche. Der Aktienkurs der Deutschen Bank war gestern mit einem Verlust von 3,7 % Tagesverlierer im Dax.

Nachdem gestern der Aufsichtsrat informiert worden war, hüllte sich die Deutsche Bank zwar immer noch in Schweigen über die neue Führungsstruktur. Sie teilte aber mit, Fischers Vorstandskollege Hermann-Josef Lamberti übernehme die Position als COO. Kommissarisch werden der Bereich Treasury von Josef Ackermann und das Risk Management von Finanzvorstand Clemens Börsig übernommen.

Im Zuge der Umsetzung der neuen Struktur verlassen außerdem Jürgen Fitschen und Michael Philipp den Konzernvorstand, um als "Global Business Heads" direkte Geschäftsverantwortung in den beiden großen Bereichen "Corporate an Investmentbank" (CIB) und "Private Clients and Asset Management" (PCAM) zu übernehmen. Fitschen verantwortet unverändert den Bereich "Transaction Banking" sowie "Relationship Management Germany". Philipp leitet wie bisher das "Asset Management" inklusive Produktentwicklung sowie "Wealth Management Servives", also die Betreuung vermögender Kunden.

In den letzten Wochen war bereits durchgesickert, dass der bisher achtköpfige Vorstand verkleinert werden und die Kontrolle des Tagesgeschäfts auf ein neues "Executive Comitee" verlagert werden soll. Chef dieses Kommitees soll Ackermann werden. Aktienrechtsexperten bezweifeln, ob diese ungewöhnliche Machtanhäufung mit dem Aktienrecht und dem Kreditwesengesetz vereinbar sei. Im Aufsichtsrat erklärten Breuer und Ackermann nach Handelsblatt-Informationen, das neue Modell sei problemlos mit den Gesetzen kompatibel.

Die Gewerkschaften lehnen den von Ackermann geplanten Umbau der Führungsstruktur des Finanzinstituts ab. Wie die "Berliner Zeitung" in ihrer Mittwochausgabe schreibt, befürchten die Arbeitnehmervertreter, dass die in der Bundesrepublik gesetzlich garantierte Mitbestimmung der Arbeitnehmer ausgehebelt werden könnte. Auslöser sei die Schaffung eines "Executive Comitees".

Schon gestern kündigte die Bank an, der Vorstand werde dem Aufsichtsrat am 22. März vorschlagen, für 2001 eine mit 1,30 Euro unveränderte Dividende zu zahlen. Wie das Ergebnis für 2001 im Detail ausgefallen ist, wird Breuer erst heute erläutern. Nach Ansicht von Experten wird es drastisch zurückgehen. Analysten erwarten im Durchschnitt einen Einbruch um knapp 40 % auf 4,04 Mrd. Euro. Das Ergebnis nach Steuern soll von 4,95 Mrd. Euro auf 2,98 Mrd. Euro fallen. Allerdings ist die Aussagekraft dieser Prognosen begrenzt, denn die Analysten arbeiten immer noch auf der Basis der International Accounting Standards (IAS). Der deutsche Branchenprimus wird heute, bedingt durch die im Oktober gestartete Notierung an der New York Stock Exchange (Nyse), erstmals einen US-GAAP-Abschluss vorlegen.

Dies sorgte bei den Analysten im Vorfeld offenbar für erhebliche Verwirrung. Bei den von Bloomberg befragten Analysten klaffte bei den Erwartungen für das Ergebnis im vierten Quartal eine Differenz von 1,2 Mrd. Euro. Die schlechteste Einschätzung lag bei einem Verlust von rund 400 Mill. Euro, die beste bei einem Gewinn von knapp 800 Mill. Euro. Im Durchschnitt erwarten die Experten einen Rückgang um 65 % auf 204 Mill. Euro.

Als Grund für den möglichen Ergebniseinbruch nennen die Analysten Bremsspuren durch die anhaltende Börsenbaisse, eine höhere Risikovorsorge sowie hohe Belastungen durch die Freisetzung von Investment-Bankern. Die Deutsche Bank hat angekündigt, knapp 10 000 Mitarbeiter zu entlassen. Das sind mehr als bei jeder anderen europäischen Bank. Die Risikovorsorge soll den Experten zufolge auf 307 Mill. Euro ansteigen, nach 199 Mill. Euro im Vorjahr und 132 Mill. Euro im dritten Quartal.

Guido Hoymann vom Bankhaus Metzler verwies zudem auf die Schwäche der Deutschen Bank auf dem Heimatmarkt. Nach wie vor werde der deutsche Markt im Privatkundengeschäft von Sparkassen und Genossenschaftsbanken dominiert. Auch der "verzweifelte Versuch" der großen Privatbanken, in das zyklische Investmentbanking zu flüchten, könne diese Ertragsschwäche nicht dauerhaft kompensieren. Dies habe sich nun in der Börsenbaisse gezeigt.

Georg Kanders von der WestLB verweist zudem auf diverse Sondereffekte: So schlagen dem Analysten zufolge die Restrukturierungsrückstellung mit 290 Mill. Euro und Aktienrückkäufe im Rahmen des Global-Equity-Programms mit 400 Mill. Euro zu Buche.

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