Deutsche Bank rechnet mit 200 000 Stellenstreichungen
Bauwirtschaft zittert vor EU-Erweiterung

Die deutsche Bauwirtschaft ist von der Liberalisierung der Arbeitsmärkte und von der Öffnung der Dienstleistungsmärkte stark betroffen: Osteuropäische Billiganbieter können dann direkt auf dem deutschen Markt ihre Dienste anbieten, und osteuropäische Bauarbeiter machen mit Niedriglöhnen ihren deutschen Kollegen Konkurrenz um knapp gewordene Jobs.

DÜSSELDORF. "Die Bauwirtschaft gehört bestimmt nicht zu den Gewinnern der Ost-Erweiterung", ist dann auch Heiko Stiepelmann, Geschäftsführer des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie überzeugt. "Wir können zufrieden sein, wenn wir da halbwegs ohne Blessuren herauskommen." Massiver Arbeitsplatzabbau droht, bringt es IG Bau-Chef Klaus Wiesehügel auf den Punkt.

Die Deutsche Bank Research beantwortet die Frage nach Verlierer und Gewinner weitaus differenzierter. "Die Erweiterung der EU nach Osten bedeutet nicht nur Risiken auf der Angebotsseite, sondern auch Chancen der Nachfrageseite im In- und Ausland", lautet das Fazit einer jetzt vorgelegten Studie. Die Sorgen der Bauwirtschaft seien "keineswegs ungerechtfertigt". Das Lohngefälle zwischen Deutschland und den osteuropäischen Staaten sei enorm. So werden in Polen gerade einmal 30 % und in Lettland sogar nur 15 % der westeuropäischen Bruttolöhne gezahlt. Auf 110 000 bis 200 000 osteuropäische Bauarbeiter, "die bis 2020 nach Deutschland kommen könnten und den Kostenwettbewerb erhöhen", wird der drohende Stellenabbau geschätzt. Für die krisengeschüttelte Bauwirtschaft kein Pappenstiel: Zählte die Baubranche Mitte der 90er Jahre 1,4 Mill. Beschäftigte, sind es heute nur noch 860 000.

Für die Unternehmen sei intensiverer Wettbewerb zunächst eine Last, räumt die Deutsche Bank Research ein. Doch dürften sich die Verbraucher über sinkende Preise freuen. Außerdem gebe es auch Chancen in Osteuropa. Die Baumärkte in den Beitrittsländern wachsen deutlich schneller als in Westeuropa.

Allerdings können nach Ansicht der Deutschen Bank nur solche Unternehmen die Chancen nutzen, "die sehr Know-how-intensive Baudienste anbieten, die sehr kapitalintensiv produzieren, die über Spezialwissen verfügen und durch Auslandskooperationen von den Wachstumsmärkten im Osten profitieren können". Im Klartext: Vor allem Großkonzerne wie Hochtief und Bilfinger Berger sowie einige "mutige Mittelständler", die bereits in Osteuropa mit Tochterfirmen tätig sind, werden sich ein Stück vom Aufbau-Kuchen abschneiden, glaubt Stiepelmann.

Auf der Strecke bleibt der einheimische Mittelstand: Besonders Firmen mit einfachen Standarddiensten würden den Konkurrenzdruck spüren, so Deutsche Bank Research. Daher sollte den Firmen eine Anpassungsfrist eingeräumt werden, um sich auf den Wettbewerb vorzubereiten. Doch sollte die Frist nicht lang ausfallen - maximal drei Jahre.

Für die Bauwirtschaft ist das kaum akzeptabel. Sie fordert eine Übergangsfrist von sieben, die IG Bau sogar von zehn Jahren. Die Studie enthalte "Weichmacher", bemängelt Stiepelmann. Die Zuwanderung von billigen Arbeitskräften werde nicht langsam bis 2020 erfolgen, sondern schlagartig mit der Öffnung der Märkte. Ohne ausreichende Vorbereitungszeit auf den Wettbewerb werde die deutsche Bauwirtschaft daher der Verlierer der EU-Osterweiterung sein.

Quelle: Handelsblatt

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