Deutsche Bewerberstädte für Olympia 2012 auf dem Prüfstand
Belmondo gegen Daimler

Rührige Aktivitäten entwickeln die deutschen Bewerber für Olympia 2012. Die einen lassen Parteien übers Geld streiten, die anderen singen munter "Yabba Dabba Doo".

DÜSSELDORF. Kennen Sie Professor Simoni? Oder Oberschwester Ingrid? Zugegeben, das Wissen um zwei der Darsteller aus der ARD-Serie "In aller Freundschaft" ist kein Muss. Leid und Freud in der Sachsenklinik sind freilich ein konstanter Quotenerfolg für "das Erste", und so ließen es sich die Olympiabewerber in Leipzig nicht entgehen, gleich die ganze Crew als Unterstützer der honorigen Idee von Sommerspielen in Sachsen zu präsentieren. Simonis Skalpell war in diesem Zusammenhang freilich weniger gefragt, dafür aber seine Stimme. Der Jean-Paul-Belmondo-Synchronsprecher ist auf der interaktiven CD-Rom "Spiele mit uns" zu hören.

Die vage Aussicht auf olympische Ringe in zehn Jahren vor der eigenen Haustür haben nicht nur in Leipzig, sondern auch in und um Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg und Stuttgart rührige Aktivitäten ausgelöst. In der Rhein-Ruhr-Region verteilt man zum Beispiel bunte Aufkleber und wirbt international verständlich mit "more than a city". In Hessen hingegen streiten die Parteien vor allem um die Finanzierung, die Hanseaten geben sich standesgemäß kühl und zurückhaltend. Die Schwaben schließlich lassen die Teenie-Band "Jammin Crew" munter, fröhlich und schlicht "Yabba Dabba Doo" singen.

Nette kleine Aktivitäten eben, die ihren Anteil am späteren Bewerbungserfolg haben sollen und fleißig in Form von Pressemitteilungen zu Papier und unter die Leute gebracht werden. Besonders die Leipziger und ihre PR-Frau Steffi Würzig (heißt wirklich so) entwickeln dabei erstaunlichen Ehrgeiz.

Der Glaube an den Erfolg scheint unbegrenzt zu sein. Als offen gilt nur noch, wann es klappen wird mit dem olympischen Traum. Die letzte Stadt, die es im ersten Anlauf schaffte, war München 1972. "Der deutsche Bewerber wird ein starker Bewerber sein. Ob es dann 2012, 2016 oder erst 2020 klappt, wird sich zeigen", sagt Michael Groß. Das Mitglied des Nationalen Olympischen Komitees organisiert in der so genannten AG Olympia 2012 die Überprüfung der Bewerberregionen. Die Evaluierungskommission (siehe Tabelle) unter Vorsitz von NOK-Vize Dieter Graf Landsberg-Velen tourt in diesen Tagen durch die Städte und wird später ein Ranking vorlegen, an das sich während der Wahl am 12. April 2003 niemand halten muss.

Ex-Schwimmer Groß freut sich derweil, "dass trotz des Wettbewerbs untereinander und trotz des Drucks der Medien und Politik bislang ein sehr kollegialer Stil gepflegt wurde". Vor allem mit Blick auf die Erfahrungen bei der gescheiterten Berliner Bewerbung für die Spiele 2000 bemüht man sich jetzt schon darum, dass nach der nationalen Entscheidung die unterlegenen Städte dem Sieger ihre Unterstützung zukommen lassen. Horst Klosterkemper, Leiter des Düsseldorfer Bewerbungskomitees, bekräftigt diese gut gemeinte Linie: "Wer auch immer es schafft, die anderen Vier müssen im gleichen Augenblick applaudieren."

Doch der Geschäftsführer der Düsseldorfer Messe, in deren Hallen das olympische Medienzentrum entstehen würde, wundert sich bisweilen. Vor allem dann, wenn Sylvia Schenk als Verbandspräsidentin der Radsportler kundtut, sich bei knappem Abstand zwischen zwei Bewerbern für jene Stadt zu entscheiden, die bessere Möglichkeiten für ihre Sportart bietet. "Ich finde das sehr erstaunlich und würde mir komisch vorkommen, wenn ich in der Kommission sitzen würde", urteilt Klosterkemper.

Das grundsätzliche Problem der deutschen Bewerbung ist freilich ein anderes - man wird beim endgültigen IOC-Entscheid 2005 Außenseiter sein. Weiß auch Groß: "Wenn unsere Chancen auf den Zuschlag ohnehin relativ gering sind, ist es umso wichtiger, dass man mit größtem Engagement die Sache angeht." Der Unternehmensberater, der im November im Handelsblatt die Wahrscheinlichkeit eines Erfolges im ersten Anlauf auf "ein bis zwei Prozent" beziffert hatte und dafür im NOK kritisiert wurde, formuliert derlei Meinungen heute moderater.

Zu möglichen Favoriten sagt er erst recht nichts. Gleichwohl werden Stuttgart und Düsseldorf im internen Kreis als jene Städte genannt, die es am ehesten schaffen könnten. Die NRW-Landeshauptstadt glaubt nicht zuletzt deswegen an eine gute Chance, weil es den größten Ballungsraum bietet und damit die beste nacholympische Nutzung der Sportstätten. Die Stuttgarter dagegen dürfen sich der intensiven Unterstützung von Daimler-Chrysler sicher sein, dass gegen ein Großevent am Firmenstandort nichts einzuwenden hätte und schon lange über beste Beziehungen zum Internationalen Olympischen Komitee verfügt. Groß mag diesen Zusammenhang nicht erkennen: "Ein solcher Global Player wird einen Deubel tun und sich allein aus standortpolitischen Gründen zu weit aus dem Fenster lehnen." Da sind sich nicht alle Beobachter einig, der Hinweis auf Coca-Cola und Olympia 1996 in Atlanta liegt nahe.

Unterdessen freuen sich die deutschen Olympiabewerber über kleine und große Erfolge, wenn es darum geht, das Volk von der Idee zu überzeugen. Wenn Horst Klosterkemper in Duisburg oder Essen vor Handwerksmeistern oder Schülern referiert, bleibt das seiner Auffassung nach nicht ohne Wirkung: "Den einen erkläre ich, dass sie mit Olympia auch Geld verdienen, den anderen, dass sie mit dem Fahrrad zu Olympischen Spielen fahren können. Das ist doch eine tolle Sache."

Stimmt. Und sieht man in Nigeria ganz ähnlich. Das afrikanische Land plant ebenfalls eine Bewerbung. Und dann sind da noch New York, San Francisco, Paris, London, Rom oder Madrid. Angesichts dieser Prominenz kann es nicht schaden, den deutschen Belmondo in seinen Reihen zu haben.

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