Deutsche Börse AG gut positioniert
Börsen – die traurigen Profiteure der Baisse

Jeder Kurssturz an den Aktienmärkten treibt die Umsätze der europäischen Handelsplätze in die Höhe und füllt die Kassen der Börse als Unternehmen. Das Geld können sie gut gebrauchen; denn die zu erwartende Konsolidierung der Institute könnte teuer werden.

LONDON. Clara Furse durchlebt als Vorstandschefin der Londoner Börse (LSE) in diesen Tagen ein Wechselbad der Gefühle. Die Kurse erreichen immer neue Tiefststände: Längst notiert der britische FTSE-Index mit 4 000 Punkten unter seinem Sechsjahrestief, und auch die LSE-Aktie fällt scheinbar ins Bodenlose. Jeder Kurssturz im Londoner FTSE-Index treibt jedoch die Umsätze des Unternehmens Börse an - und zwar in großen Sprüngen. Trotz oder gerade wegen des weltweiten Trauerspiels namens "Kursverfall" stieg das Juni-Volumen der Börse im Jahresvergleich um gut 5 %.

Damit zeigt sich wieder einmal, dass schlechte Aktienkurse kaum oder nur bedingt die Börsen als Unternehmen treffen. Sie verdienen an jeder einzelnen Transaktion, unabhängig von der Richtung des Marktes. "Für die Börsen ist nur relevant, dass sich etwas im Markt bewegt", wie ein Analyst sagt. Nur ein langfristiger Rückzug sowohl institutioneller wie privater Anleger wegen der anhaltenden Tristesse würde sich fatal auf die Börsen auswirken.

Auch die Konkurrenten von Furse, Werner Seifert von der Deutschen Börse und Jean Francois Theodore von der Euronext, betrachten das Geschehen an den Kassa- und Terminmärkten mit gemischten Gefühlen. Die eigenen Aktien purzeln, die Geschäfte boomen - in Frankfurt und Paris noch viel stärker als in London. Denn beide Institute auf dem Festland verfügen über eigene Terminbörsen-Töchter. Und dort steigen die Umsätze in schlechten Zeiten noch stärker als am Kassamarkt. Institutionelle Anleger wie Fondsgesellschaften versuchen sich in fallenden Märkten verstärkt mit Derivaten gegen den Absturz abzusichern. Im Juni legte das Transaktionsvolumen an der Deutsche-Börse-Tochter Eurex um mehr als ein Viertel zu, die in London beheimatete Euronext-Liffe verzeichnete ein Plus von 13 %.

In einer Studie über den Zustand der Börsen in der laufenden Baissephase nennt Merrill Lynch den Juni einen "großen Monat". Überraschungen beim Umsatz, so schließt er aus den jüngsten Kursstürzen, gebe es wegen der erwartet hohen Volumina in naher Zukunft wohl eher "nach oben". Auch dem von der Deutsche Börse installierten Gradmesser für die Volatilität (VDax) zufolge erwarten die Märkte auch in Zukunft kein Ende der Bewegung: Der VDax als Maßzahl für die Schwankungsbreite hat sich in knapp vier Monaten auf mehr als 43 Punkte verdoppelt. Der Markt geht damit davon aus, dass der Deutsche Aktienindex innerhalb eines Jahres in einer Bandbreite von gut 43 % schwanken wird.

Insgesamt lag der Umsatz im ersten Halbjahr wegen des schwachen ersten Quartals noch leicht unter den Zahlen des Vorjahres. Doch tendenziell füllt die Baisse die Geldpolster der Börsen (siehe Grafik). Das ist vor allem deshalb interessant, weil alle Spieler daran denken, so viel Geld wie möglich für die lange erwartete europäische Konsolidierung zur Seite zu legen. Derzeit spielen sich die Übernahme-Schlachten noch im Abwicklungs- und Verrechnungssektor ab - quasi auf den Hinterhöfen der Börsen. So übernahm die Deutsche Börse kürzlich Clearstream vollständig. Die belgische Euroclear und die britische Crest kündigten ihre Fusion für September an. Und dass das London Clearing House und die französische Euronext-Tochter Clearnet in Fusionsverhandlungen stehen, ist von Pariser Seite erst kürzlich bestätigt worden. Einige Analysten denken, dass die Börsen selbst erst dann nach vorne rücken, wenn sie die Hintergrundgefechte ausgekämpft haben.

Doch dafür brauchen sie Geld. "Interessant ist bei diesen Märkten ist die Frage, wer der relative Gewinner ist", sagt deshalb Joachim Müller von der US-Bank JP Morgan Chase. Die Deutsche Börse wäre für einen Bieterkrieg gut gerüstet: Ihr fließen aus dem laufenden Geschäft die meisten Mittel zu. Zudem bekam sie erst im Juni per Kapitalerhöhung mehr als 400 Mill. ?, die sie freilich zu großen Teilen für die Clearstream-Übernahme verwendete. Der Umsatz-Zuwachs dürfte die Konsolidierung nicht beschleunigen, sagt Müller. Er könnte jedoch die Preise künftiger Auseinandersetzungen treiben.

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