Deutsche Börse senkt Standards – Einige Marktteilnehmer kritisieren „Maßnahme auf Kosten der Anleger“
Experten fürchten Qualitätsverlust beim Börsenhandel von Indexfonds

Es war eine E-Mail mit Sprengkraft. Die Deutsche Börse versandte die elektronische Botschaft Anfang Februar mit dem auf den ersten Blick harmlos erscheinenden Inhalt: Emittenten von börsengehandelten Indexfonds ("Exchange Traded Funds", kurz ETF) müssen bei Interesse an einer Produktnotierung künftig nicht mehr zwei, sondern nur noch einen Market Maker nachweisen.

ina FRANKFURT/M. Einige dieser "Marktmacher", die verbindliche Kauf- und Verkaufspreise (Geld/Brief-Spanne) am Frankfurter ETF-Segment stellen und damit faire Kurse bzw. Umsätze garantieren, gehen auf die Barrikaden. Sie und auch andere Experten schimpfen über die Aufweichung der Qualitätsansprüche.

Den Schaden habe der Anleger, denn in Zukunft könnten die Geld/Brief-Spannen wegen des sinkenden Wettbewerbsdrucks durchaus höher ausfallen oder ein reibungsloser Handel auf andere Weise behindert werden. Dazu muss man wissen: Die Liquidität eines ETF, die maßgeblich durch die Geld/Brief-Spanne vorgegeben wird, ist für Investoren der wichtigste Kostenposten - nicht die jährliche Managementgebühr. Diese Spannen können bei speziellen Produkten durchaus mehrere Prozentpunkte erreichen.

Vertreter der Deutschen Börse und einige Emittenten wiegeln ab. Deutsche-Börse-Verantwortliche sehen nicht die Gefahr einer Qualitätsaufweichung. Die Reduzierung der Mindestzahl von Market Makern folge lediglich der Neuregelung für den Aktienmarkt. "Die qualitativen Anforderungen an die Market Maker bleiben bestehen", sagt ein Börsen-Vertreter.

Die Diskussionen werfen ein Schlaglicht auf den verschärften Kampf der Börse um das ETF-Geschäft, einen der letzten Wachstumsmärkte. Erst vor rund drei Jahren hatte die Deutsche Börse mit der Etablierung des ersten ETF-Handelssegments in Europa Pionierarbeit geleistet. Jetzt handeln neun Plätze fast 200 Fonds. Die wichtigsten Konkurrenten sind die zur Hypovereinsbank gehörende Indexchange, die zur Société Générale gehörende Lyxor und Merrill Lynch.

Anscheinend muss der Frankfurter Handelsplatz Zugeständnisse machen, um keine Emittenten zu verlieren, denen die Suche nach Market Makern immer schwerer fällt. Die Börse betont zwar, weitere Marktmacher seien in Kürze zu erwarten. Aber schon Ende vergangenen Jahres hatten sich Goldman Sachs und Schroder Salomon Smith Barney aus dem Geschäft verabschiedet - um Kosten zu sparen, wie es am Markt heißt. Außerdem scheuen sich manche Market Maker vor dem Geschäftseinstieg, weil die Übernahme von Risiko, sprich die Bereitstellung von Liquidität, wegen der höheren Markt-Volatilität viel gefährlicher ist als früher.

Die bisherigen Regeln können einige Emittenten schon jetzt nicht einhalten. Die zu Union Investment gehörende Unico muss bereits seit Monaten mit der zum eigenen Konzern gehörenden DZ Bank als einzigem Market Maker auskommen. Merrill Lynch dürfte beim Market Making seines Stoxx-50-Produktes bald ebenfalls ausschließlich auf die Dienste des eigenen Hauses angewiesen sein. Der zweite - und unabhängige - Liquiditätsspender scheidet jetzt aus, ist zu hören. UBS kann sich bei seinen Produkten teilweise ebenfalls nur auf einen Market Maker stützen. Hier ist es allerdings mit Timber Hill eine unabhängige Adresse.

Michael Barmettler von Timber Hill in Zürich kritisiert die Initiative der Deutschen Börse scharf. "In Zukunft wird höchstens noch die Hausbank des Emittenten den Markt mit Preisstellungen versorgen. Ein unabhängiges Market Making wird zum Schaden der Investoren wahrscheinlich verschwinden", sagt er. Andere Stimmen warnen, die Hausbank könne sich in Zukunft relativ einfach über höhere Spreads "bedienen".

Jan Altmann, der beim Beratungsunternehmen Funds@Work im Vorstand sitzt, deutet vorsichtig an: "Der Handel wird natürlich um so effizienter, je mehr Parteien um die Orders konkurrieren." Den Wettbewerbsgedanken unterstreicht auch Marie-Pascale Revoteur vom unabhängigen Broker Exane: "Die Konkurrenz unter den Market Makern ist wichtig, sonst gerät die Preisqualität in Gefahr."

Euronext, neben Frankfurt der mit Abstand wichtigste Handelsplatz in Europa, will an seinen Anforderungen festhalten. "Wir bleiben bei zwei Market Makern, nur in Ausnahmefällen lassen wir einen gelten", sagt Huib Vermeulen von der Dreiländer-Börse.

Möglicherweise beschleunigt eine Sensibilisierung der Investoren für das Market-Making-Thema die Konsolidierung im ETF-Geschäft. Unico hatte vor einigen Wochen bereits die Schließung umsatzschwacher Produkte beschlossen. Viele andere Fonds, die mit zu großem Optimismus aufgelegt wurden, werden nach Meinung von Experten folgen.

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