Deutsche Börse setzt positives Signal für Aktienemissionen
Orange wird ein echter Härtetest

Zum Aufatmen ist es noch zu früh: Der erfolgreiche Börsengang der Deutschen Börse hat das Klima für Aktienemissionen zwar verbessert. Der Härtetest steht mit dem Going Public von Orange aber noch bevor.

FRANKFURT/M. Börsenchef Werner G. Seifert darf sich auf die Schulter klopfen. Mit dem Börsengang der Deutschen Börse AG hat er das erste Highlight im zäh anlaufenden Neuemissionsjahr 2001 gesetzt. Trotz des Erfolgs geben sich die Experten aber vorsichtig, zumal der echte Härtetest für die Aufnahmefähigkeit der europäischen Aktienmärkte noch aussteht. Am kommenden Montag startet Orange, die Mobilfunktochter von France Télécom, an den Börsen Paris und London. Im Rahmen der Mammut-Emission will die Mutter Orange-Aktien im Wert von bis zu 10 Mrd. an den Mann bringen, dazu kommt eine Wandelanleihe, die noch einmal bis zu 4 Mrd. in die Kassen des Telekomriesen spülen soll.

"Der Erfolg des Börsengangs der Börse setzt ein positives Signal für Unternehmen, die den Kapitalmarkt in Anspruch nehmen wollen", meint Stefan J. Jentzsch, Partner bei Goldman Sachs. Insgesamt sei der Markt für Neuemissionen trotz der nach wie vor vorhandenen Unsicherheit etwas robuster geworden. "Aber eine Schwalbe macht noch keinen Sommer", betont der Banker. Auch Paul Lerbinger, Managing Director der Deutschen Bank, warnt vor zu viel Optimismus. "Es ist noch zu früh, um zu sagen, wo die Reise für die Neuemissionen in diesem Jahr hingeht." Eine entscheidende Rolle werde die Entwicklung an den europäischen Neuen Märkten und an der Nasdaq spielen.

Jüngster Abschwung verunsichert Anleger

Besonders bei Technologie-, Medien und Telekommunikationsaktien seien die Anleger auf Grund des jüngsten Abschwungs stark verunsichert, urteilt Jentzsch. Gerade die Sparte Telekommunikation leide unter dem Andrang der Börsenkandidaten, ergänzt Lerbinger. Die Deutsche Börse habe gegenüber Orange den entscheidenden Vorteil gehabt, dass sie in ihrer Branche nicht mit einer Schwemme von Going Publics konkurrieren musste. Bei der 23-fach überzeichneten Börsenemission konnten die Konsortialbanken trotz der labilen Stimmung am Aktienmarkt den maximalen Ausgabekurs von 335 durchsetzen. Auch der Handelsstart fiel überzeugend aus. Bei der Premiere am vergangenen Montag kletterte der Kurs um mehr als 11 %, gestern ging es bis zum Nachmittag um weitere 4 % auf 389 aufwärts.

Dagegen musste France Télécom bereits bei der Festsetzung der Preisspanne für Orange dem Misstrauen der Anleger gegenüber Telekomwerten Tribut zollen. Die Analysten von Dresdner Kleinwort Wasserstein, einem der Konsortialführer, schätzen den Wert des Mobilfunkablegers auf 77 bis 87 Mrd. . Gemessen an der Preisspanne von 11,50 bis 13,50 kommt die Tochter jetzt für nur noch 55 bis 65 Mrd. auf den Markt. Trotz des deutlichen Abschlags hält sich die Begeisterung der Anleger offenbar in Grenzen. Die Kurse am so genannten Graumarkt sprechen dafür, dass France Télécom keine Chance haben wird, die Preisspanne voll ausreizen. Im Telefonhandel, wo die Papiere der Börsenkandidaten bereits vor der offiziellen Erstnotiz gehandelt werden, notierte Orange gestern mit 11,50 bis 12,10 . Fondsmanager Frank Heise von Union Investment rechnet mit einem Ausgabekurs, der "etwas über dem unteren Ende der Preisspanne liegt". Aus Kreisen der Konsortialbanken heißt es zwar, dass die Aktie vor allem bei französischen Privatanlegern stark gefragt sei, Heise rechnet aber dennoch "nicht mit einer hohen Überzeichnung". Die Stimmung der institutionellen Anleger gegenüber Telekom-Aktien sei nach wie vor sehr kritisch.

Die Orange-Emission gilt als entscheidender Test für drei weitere Großemissionen in diesem Jahr. Die Deutsche Telekom, die niederländische KPN und die British Telecom wollen ihre Mobilfunktöchter ebenfalls in 2001 auf den Markt bringen. "Wenn Orange Probleme bekommt, wird es auch für die anderen nicht leicht", urteilt Fondsmanager Heise.

Mobilfunk-Emissionen im Preiskampf

"Die Mobilfunk-Emissionswelle könnte zu einem Preiskampf zwischen den Unternehmen führen", warnt Lerbinger. Für Jentzsch sind die Zeiten vorbei, in denen sich überhöhte Preisvorstellungen durchsetzen ließen. "Die Bewertung des Mobilfunks nähert sich immer stärker der von Festnetzgesellschaften an," lautet das Fazit des Investmentbankers.

Obwohl der Andrang in der Telekombranche groß ist, wird das neue Jahr wohl weniger Jumbo-Börsengänge bringen als 2000; da sind sich die Experten einig. Im Vorjahr kamen allein in Deutschland die fünf größten Emissionen auf ein Volumen von insgesamt knapp 30 Mrd. . "Das war mit solchen Schwergewichten wie der Post, der Telekom und Infineon allerdings ein Ausnahmejahr", betont Michael Bednar von der Investmentbank UBS-Warburg.

2001 werden am heimischen Markt erst einmal kleinere Brötchen gebacken. Die Börse brachte ein Gewicht von 1,1 Mrd. auf die Waage, als nächste größere Platzierung steht der Frankfurter Flughafen mit einer Kapitalerhöhung von rund 300 Mill. in den Startlöchern. Am europäischen Markt bereitet sich derzeit die norwegische Statoil auf eine Platzierung vor. Ende des ersten Quartals, Anfang des zweiten Quartals will der Ölkonzern Aktien im Wert von rund 3 Mrd. $ platzieren.

Unter 100 Börsengänge für 2001 prognostiziert

Auch am Neuen Markt rechnen die Experten mit weniger Emissionen als im Vorjahr. Die Schätzungen liegen bei unter 100 Börsengängen nach mehr als 130 im Jahr 2000. Nach Einschätzung von Lerbinger müssen jetzt zunächst einige überzeugende Neuemissionen an den Markt kommen, bevor das Vertrauen der Anleger zurückkehrt. Und diese Unternehmen müssten dann erst einmal ihre Prognosen erfüllen, betont der Banker.

Robert Landgraf
Robert Landgraf
Handelsblatt / Chefkorrespondent Finanzmärkte
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