Deutsche Branche zurückhaltend
High-Tech-Krieg bewegt Waffenkonzerne

Die US-Angriffe auf Afghanistan haben die Aktienkurse der Rüstungsindustrie beflügelt. Jedoch deutet sich an, dass künftig statt der bekannten Rüstungsschmieden vor allem High-Tech-Firmen profitieren.

HB NEW YORK. Nach den jüngsten Angriffen auf Afghanistan haben die Aktien der US-Rüstungshersteller noch einmal einen Sprung nach oben gemacht. Am meisten profitierte die Aktie des Marschflugkörper- und Elektronik-Herstellers Raytheon.

Doch welche Rüstungsanbieter auf längere Sicht vom Krieg gegen den Terrorismus profitieren, den Präsident George W. Bush ausgerufen hat, ist nicht so leicht auszumachen. Schon vor den Vergeltungsschlägen warnten Analysten vor vorschnellen Urteilen. Schließlich soll der Kampf gegen den Terror auf verschiedenen Ebenen ausgetragen werden. Von der Ausbildung neuer Geheimdienstagenten aber haben Rüstungskonzerne wenig, geschweige denn von eingefrorenen Bankkonten, lautet ein Argument.

Auftragsschub nur bei Ausdehnung der Attacken

Einen nennenswerten Auftragsschub könnten Rüstungskonzerne nur erwarten, wenn sich die jetzigen Angriffe auf Afghanistan über längere Zeit ausdehnen sollten oder gar auf andere Länder ausgedehnt würden, meinen manche Analysten. "Die Attacken müssten sich deutlich ausweiten oder mindestens 78 Tage dauern - wie damals im Kosovo", sagt Nick Fothergill, Rüstungs-Analyst der Banc of America.

Freilich hat der Präsident die Hoffnung auf neue Rüstungsaufträge selbst genährt. Bushs hatte vorige Woche angekündigt, dass 12 Mrd. $ des Unterstützungspaket für die US-Wirtschaft, dessen Gesamtwert 60 Mrd. $ beträgt, an das Militär gehen soll. Bush hat dabei die öffentliche Meinung hinter sich: Seit den Terror-Angriffen vom 11. September haben sich 80% der US-Bevölkerung für höhere Rüstungsausgaben ausgesprochen.

Waffen bedürfen der Modernisierung

Das Umfeld hat sich geändert, bestätigt Cai von Rumohr, Rüstungs-Analyst bei der Investmentbank S.G. Cowen. "Es gibt viel mehr Unterstützung für Rüstungsausgaben. Und dabei geht es nicht nur um mehr Ausgaben, sondern vor allem um die Modernisierung unserer Waffen", sagt er. Rumohr erwartet, dass sich die Folgen für die Branche erst 2003 bis 2006 zeigen werden, wenn neue Waffensysteme auf den Markt kommen.

Byron Callan, Analyst der Investmentbank Merrill Lynch, sieht im Gegensatz zu einigen seiner Kollegen noch keinen Grund, auf einen Rüstungsboom wie in den 80er Jahren unter Ronald Reagan zu hoffen. Zwar habe das Verteidigungsministerium jüngst anklingen lassen, dass es demnächst mehr Mittel zur Verfügung stellen wird - "aber es fehlten jegliche Zahlen", bemängelt Callan.

Schub für High-Tech-Unternehmen

Einig sind sich die Analysten hingegen, dass vor allem die Hersteller von Informations-, Überwachungs- und Präzisionstechnologie Gewinner der neuen Schlacht sein werden, egal, wie sie geführt wird. Neben den klassischen Rüstungsherstellern - Raytheon stellt unter anderem den von Briten und Amerikanern genutzten Marschflugkörper Tomahawk her, Lockheed Martin liefert die F-16 Kampfflugzeuge - fallen daher auch weniger bekannte Namen: Bruker Daltonics Inc, ein Unternehmen, das sonst hauptsächlich für die Pharma- und Agrarindustrie arbeitet, liefert der US-Regierung die Technologie, um Biowaffen aufzuspüren. Alliant Techsystems baut unter anderem Raketenmotore, und L Communications-3 Holdings Inc., die vor 4 Jahren von Lockheed Martin ausgegliedert wurde, rüstet Satelliten und Waffensysteme mit Kommunikationseinrichtungen aus. Auch Mercury Computer Systems Inc. wird genannt, die Radarbilder für das US-Militär verarbeitet.

Unternehmenslandschaft könnte sich wandeln

Merrill-Lynch-Analyst Callan schließt nicht aus, dass sich auch die Unternehmenslandschaft im Zuge des Krieges wandeln könnte. Denn in den vergangenen Jahren hat es in der US-Rüstungsindustrie nicht zuletzt auf Drängen der US-Regierung einen kräftigen Konzentrationsprozess gegeben, immer weniger Rüstungsunternehmen sind immer größer geworden. Dagegen haben sich die IT-Unternehmen in den 90er Jahren fast ausschließlich auf den profitableren privaten Sektor konzentriert. Das könnte sich nun ändern. "Es kann passieren, dass sich große und kleine Technologiefirmen stärker für die Dollars aus dem Verteidigungsetat interessieren - was wiederum zu mehr Konkurrenz führen dürfte", spekuliert der Merrill Lynch Analyst.

Einig sind sich die US-Experten, dass die europäische Rüstungsindustrie kaum vom Konflikt profitieren dürfte. Tatsächlich reagiert die deutsche derzeit Branche sehr zurückhaltend: Frühestens in einem halben Jahr könne die Industrie auf zusätzliche Aufträge hoffen, hieß es beim Düsseldorfer Rheinmetall-Konzern.

Katharina Kort
Katharina Kort
Handelsblatt / Korrespondentin
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