Deutsche Energieversorger prüfen Wachstumsmärkte in Europa und Amerika
Analyse: RWE sieht Scheitern in Spanien mit lachendem und weinendem Auge

Das Aufatmen im Power Tower der RWE AG in Essen war deutlich zu hören. Denn als das spanische Konsortium, zu dem auch die Energie Baden-Württemberg AG (EnBW) gehört, vor einer Woche das RWE-Angebot für den viertgrößten spanischen Stromerzeuger Hidrocantábrico um fünf Prozent überboten hatte, ging der Kurs der RWE-Aktie ab wie eine Rakete. Und gleichzeitig verlor das Papier des Düsseldorfer Konkurrenten Eon AG drastisch an Wert.

HB. Denn die Analysten vermuten, dass der Einstieg von Eon beim englischen Versorger Powergen ebenso überteuert sein wird, wie das Angebot von RWE in Spanien als überteuert eingestuft wurde. Für EnBW gilt dieses Börsenargument dagegen nicht. Einmal ist der Streubesitz minimal. Zum anderen gilt EnBW-Großaktionär Electricité de France (EdF) als generös, wenn es darum geht, ausländische Märkte zu durchdringen. Schließlich operiert der französische Staatskonzern zu Hause noch völlig monopolistisch.

Die förmliche Zurücknahme des Hidrocantábrico-Angebots wird in Essen mit einem lachenden und einem weinenden Auge gesehen. Denn Spanien gilt als einer der wenigen Energie-Wachstumsmärkte in Europa. Da wäre RWE gerne in starker Position präsent. Bei der ersten Angebotsabgabe schien dieses Ziel erreichbar zu sein.

Denn damals planten gerade die beiden weitaus führenden spanischen Energiekonzerne Endesa und Iberdrola ihre Fusion. Wäre die Fusion gelungen, hätten sie sich von bedeutenden Beteiligungen trennen müssen. Da hätte RWE zuschlagen können. Aber die Fusion platzte, und der Anschluss an die Spitzenkonzerne gestaltete sich für RWE weitaus schwieriger. Der nächste Weg, auf der Iberischen Halbinsel Fuß zu fassen, ist aber noch nicht verbaut. Endesa gilt als Übernahmekandidat, an dem auch Eon interessiert ist.

Mit ihren nationalen Fusionen im letzten Jahr sind RWE (Übernahme von VEW) und Eon (Verschmelzung der Viag auf Veba) nach EdF und Italiens Enel auf Rang drei und Rang vier der europäischen Stromrangliste vorgestoßen. Aber der Ehrgeiz der beiden deutschen Marktführer geht weiter. Mittlerweile wird beim Kerngeschäft Strom, Gas und Wasser nicht mehr Europa als "Heimatmarkt" angesehen, sondern es sollen Wachstumsmärkte weltweit besetzt werden. Hinzu kommt, dass die Spitzenmanager noch vor dem Abschluss ihrer nationalen Fusionen internationale "Megadeals" angekündigt haben. Dem selbst erzeugten Erwartungsdruck müssen sich nun Eon und RWE stellen. Nicht nur die Analysten erwarten mehr Drive. Und Energieberater weisen auf den Zukunftsmarkt USA hin. Da steht die Deregulierung erst noch bevor.

In beiden Unternehmen ist die Kriegskasse gut gefüllt. Es werden zudem noch weitere Gelder fließen, weil außerhalb der Kernsparten milliardenhohe Desinvestitionen geplant sind. Mit dem Kauf des britischen Wasserversorgers Thames Water im vergangenen Herbst hat RWE eine zwar teure, zugleich aber attraktive Akquisition getätigt und den Konkurrenten Eon international erst einmal abgehängt. Durch die Kohletochter Consol hat sich RWE schon in den USA positioniert. Eon ist ursprünglich mit dem Anspruch "European Powerhouse" angetreten. Nun reichen aber die Expansionspläne wie bei den Essenern weit über Europa hinaus.

Der Markteintritt in die US-Strom- und Gasversorgung ist jedoch mit unangenehmen Entflechtungsauflagen verbunden. Nach dem Public Utility Holding Company Act (Puhca) aus dem Jahr 1935 dürfen ausländische Energieversorger auf den nach wie vor noch nicht deregulierten US-Märkten erst dann einsteigen, wenn sie über 80 Prozent des Umsatzes durch Gas- und Stromaktivitäten erzielen. Diese Hürde kann von Eon und RWE nicht genommen werden. Beide hoffen jedoch darauf, dass während der Bush-Präsidentschaft Puhca gekippt wird.

Noch zögern die beiden deutschen Marktführer daher mit größeren Engagements. Sie fürchten zudem, nicht zu Unrecht, dass sie ähnlich wie Mannesmann im Fall Vodafone ihre internationalen Konkurrenten allzu sehr ärgern könnten und als Übernahmekandidaten anvisiert werden könnten. Wenn die Ölmultis nach ihren Supergewinnen im letzten Jahr Ernst machen sollten, sich bei Gas noch stärker zu engagieren und bei Strom einzusteigen, werden Eon und RWE angesichts ihrer geringen Börsenkapitalisierungen sich kaum wehren können.

Das Dilemma ist offenkundig: Mit attraktiven Akquisitionen auf Wachstumsmärkten wie den USA können Eon und RWE zwar ihre Kurse verbessern. Dies reicht aber nicht aus, um gegenüber feindlichen Übernahmen durch potente Ölmultis gewappnet zu sein. Erfolgreiche Akquisitionen sind also nur die eine Seite der Medaille; auf der anderen Seite müssen die beiden Deutschen hoffen, dass die großen Ölplayer durch anderweitige Aktivitäten attraktivere Renditen erzielen können.

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