Deutsche EU-Ratspräsidentschaft: Erst der Friede, dann das Wüstenlamm

Deutsche EU-Ratspräsidentschaft
Erst der Friede, dann das Wüstenlamm

Bundeskanzlerin Angekla Merkel wirbt als EU-Ratspräsidentin für Fortschritte im Nahost-Prozess. Auf ihrer Arabien-Reise zeigt sie sich ohne Schleier, tauscht Meissner Porzellan gegen goldene Kamele - und wirbt für eine enge Kooperation.

ABU DHABI. Zwölf fein gearbeitete goldene Kamele stehen um einen mit Juwelen besetzten Ziehbrunnen, der mit Bergkristall statt Wasser gefüllt ist. Es ist ein Geschenk, ja, wie eben aus Tausendundeiner Nacht, das der saudi-arabische König Abdullah in einer grünen Kiste hereinrollen lässt nach dem Gespräch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel im Yamama-Palast. Ihr Gegengeschenk ist eher abendländisch nüchtern, Meissner-Porzellan "Marke Zwiebelmuster", sagt sie später spöttisch und wieder ernst, die Kamele seien ja schon "anrührend".

Auf der zweiten Station ihrer Arabien-Reise stellt Angela Merkel fest, dass dort Politik und Gefühl noch enger verbunden sind als anderswo. US-Präsident George W. Bush hat sie schon darauf vorbereitet, dass bei den Saudis ohne Zugang zum Herzen des fast absolutistischen Herrschers kein Fortschritt zu erzielen sei. Die weiteren, fast herzlichen Termine zeigen, dass Merkel Zugang gefunden hat.

Das ist umso verwunderlicher, weil die Kanzlerin bekanntlich eine Frau ist und in der saudischen Öffentlichkeit solche nur als schwarz verhüllte, unförmige Käfer auftauchen. Die Kanzlerin legte keinen Schleier an, und in der langen Kette der saudischen Empfangskomitees schüttelte jeder ihr die Hand, nur bei ihren Begleiterinnen geht der Blick der Gastgeber gelegentlich ins Leere, wenn die Hand wie zufällig danebengreift, um die Berührung zu vermeiden. Dabei hatte die Deutsche Botschaft in Riad vorsorglich schon ein Dutzend landesüblicher schwarzer Leih-Kutten und Teilzeit-Schleier bereitgelegt und die mitreisenden Beamtinnen und Journalistinnen auf die ortsüblichen Demütigungsrituale vorbereitet. Die Kutten bleiben im Sack, und Merkel berichtet amüsiert, dass im Palast davon ausgegangen wird, dass es nicht mehr 20 Jahre dauern wird, vielleicht nicht einmal mehr zehn, bis auch Frauen den Führerschein im streng islamischen Land erwerben dürfen.

Aber um Frauen- und Bürgerrechte ging es nicht bei diesem Besuch; eher mag die Kanzlerin wie ein Katalysator wirken, der unter der Oberfläche arbeitende Prozesse beschleunigt - schließlich werden abtrünnige Stämme dadurch an das Königreich gebunden, dass dann einer der vielen tausend Prinzen noch eine Frau aus dieser Gruppe ehelichen muss und auch Lobbygruppen so eingebunden werden. Das reizt die Kanzlerin eher zum Lachen, denn am Tag vor Reisebeginn hat sie gerade die größte Lobbyschlacht um die Gesundheitsreform im Bundestag geschlagen, und Analogien dazu oder zum ewigen Kampf um Steinkohlesubventionen zieht sie während der gesamten Reise.

In der Sache betonte Angela Merkel die breite Gemeinsamkeit mit dem saudischen König in der Nahostfrage. Der wiederum erklärt ihr, wie er ab dem heutigen Dienstag drei Tage lang in Mekka die Gespräche zwischen den verfeindeten Palästinensergruppen begleiten will, um den Fatah-Chef Mahmoud Abbas und den Hamas-Führer Ismail Hanija zur Bildung einer Regierung der nationalen Einheit zu bewegen. Nur eine enge Kooperation der EU, der USA und der regionalen Staaten könnten den Konflikt lösen. Weil Merkel das schon vorher in Ägypten erfahren hat, sieht sie jetzt ein Zeitfenster von elf bis zwölf Monaten zur Lösung des schon ein halbes Jahrhundert lang schwelenden Konflikts.

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